Artikel geschrieben am: 01.01.70
--- (Datei: Hagen, Nina)
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Nina Hagen & The Capital Dance Orchestra Jazzopen 2006, 28.07.06
+ LE Bigband
Oh, was ist denn das? Ein Ufo auf dem Pariser Platz? Ist dem Zarah Leander – frisch reinkarniert – entgestiegen? Oder etwa „die berühmte Bekannte, nicht sehr beliebt bei Onkel und Tante“? No Sir, die Lady mit dem Rotkäppchenmund und den schwarz geschminkten, spiegeleigroßen Augen ist Deutschlands dienstälteste Punkbraut, die schillernde Esoterikerin und singende Freiheitskämpferin Nina Hagen. Mit Glacéhandschuhen, Federboa und engem Mieder angetan schürzt sie ihre mohnroten, äußerst beweglichen Lippen und hebt zu singen an. „Ich weiß, es wird einmal Wunder geschehen“, sang sie vor zwanzig Jahren schon einmal mit tiefer Stimme und rollendem R, doch währte der Ausflug in den Schlager der 40-er Jahre gerade einmal eine Minute, bevor die Hagen ihn in ein lustiges Punklied verwandelte. Diesmal hält der Aufenthalt in der Schlagerwelt der ersten Hälfte des letzten Jahrhunderts für ein ganzes Konzert vor. Von einem veritablen Swing-Orchester (Leitung: Robert Mudrinic) mitsamt schwelgender Zacharias-Gedächtnis-Geige und süßem Saxophonsatz elastisch begleitet, macht sie das, was Robbie Williams kürzlich vormachte: Sie singt Swing-Klassiker und alte Schlager. Nur, wie wir finden, ein wenig ausdrucksvoller. Sorry, Robbie-Williams-Fans!
Manieriertheit ist Hagens Markenzeichen, Kitsch ihre zweite Natur, sie inszeniert sich in einer grellen Künstlichkeit und lieferte den idealen Soundtrack Bildern von Warhol oder Lichtenstein. Wer da rummäkelt, diese Musik sei älter als ein deutscher Weinbrand und die Interpretin schon 51, hat nicht viel verstanden: Die Dame ist Kult. In Barcelona wurde sie am Montag noch von einem jungen Publikum umjubelt. Nun auch in Stuttgart. Ihre Abstecher ins Operettenfach, ihre Exkursionen in den bombastischen Broadway-Swing und – mit den kleinen Kieksern am Wortende –ihre Rock’n Roll-Trips sind Vokalisationen, die man gehört, theatralische Höhenflüge, die man gesehen haben muss: „Der Wind hat mir ein Lied erzählt“, „Bei mir bist du schön“, „Roter Mohn“, „Somewhere Over The Rainbow“. Für Nina Hagen soll’s nach ihren Konzerten - irgendwo auf der Welt und natürlich auch hier - rote Rosen regnen. Wir haben nichts dagegen.
Bevor die schrille Lady ans Mikrophon trat, wurde das Publikum von der LE Bigband unter der Leitung von Albi Hefele mit Swing, Soul rasant groovend oder mit süßem Klageton eingestimmt. Roger Rögers raue Röhre - für viele die schwärzeste weit und breit - intonierte eindrucksvoll Louis-Prima-Hits oder Ray-Charles-Songs. Strahlkräftiges Blech, geschmeidige Holzbläser und ein stabiler Rhythmus sorgten für Klangbäder, wie sie nur sehr gut eingespielte Bigbands einlaufen lassen können.
Thomas Staiber
~ Thomas Staiber