Artikel geschrieben am: 01.01.70

--- (Datei: Hagen, Nina 06)

Nina Hagen & The Capital Dance Orchestra; LE Bigband, 28.8.06
Oh, was ist denn das? Ist einem UFO „die fesche Lola, der Liebling der Saison“ entstiegen, eine Reinkarnation von Zarah Leander oder gar “die alte Bekannte, nicht sehr beliebt bei Onkel und Tante“? No Sir, die Lady mit den mohnroten Lippen (äußerst beweglich), dem rosa Tütü (ziemlich kurz), dem Diadem (Plastik), dem falschen Smaragd, dem Fächer in der Hand und den Initialen FBI auf dem Top ist keine andere als die gute alte Nina Hagen - schillernde Esoterikerin, engagierte Freiheitskämpferin und Mama aller Punks. Wie ein Flamingo steht sie auf einem Bein, dann macht sie ein paar Charleston-Schritte – halb Giselle, halb Daisy Duck. Ziemlich sexy.
Im Halbkreis hinter ihr spielt das Capital Dance Orchestra unter der Leitung von Joris Bartsch Buhle. Und wie! Federnden Hochgeschwindigkeitsswing von allerhöchster Präzision. „Der Herr an der Lakritzstange“ – der Conférencier meint die Klarinette - erhebt sich zum jubilierenden Solo, es ertönt ein butterweicher Posaunensatz, eine schmachtende Geige und der süße Schmelz der Saxophone. Wir hören die „Serenade In Blue“, Nina Hagen widmet sie Dr. Martin Luther King. Und singt ganz einzigartig. Mit beispielloser Leichtigkeit holt sie süßen Stückchen aus der Swing-Ära, das deutsche Schlagergut aus der ersten Hälfte des letzten Jahrhunderts auf den Pariser Platz, auf dem während des ganzen Festivals noch keine so gute Stimmung geherrscht wie jetzt.
Zwei Punk-Mädchen, die sich für ihre Nina mit viel Kayal, frechen Tatoos und löchrigen Netzstrümpfen so hübsch gemacht wie irgend möglich, zücken ihre Digicams, umarmen sich und singen aus vollem Hals mit: „Halli, hallo, ich bin ja heut so froh!“ Auf der Bühne sagt Nina Hagen: „Hildegard meldet sich“ und singt „Für mich soll’s rote Rosen regnen“. Ganze Reihen fangen - wohlgemerkt bei einem Jazzfestival - selig an zu schunkeln! Gudrun Endress, die Herausgeberin des Jazzpodium lächelt: „Köstlich!“
Nina Hagen singt mit tiefer Zarah-Leander-Gedächtnisstimme, sie rollt das R, sie macht Abstecher ins Operettenfach, Exkursionen zum Broadway und – mit frechen kleinen Kieksern am Wortende – in den Rock’n Roll. Manieriertheit ist ihre zweite Natur. Oder doch die erste? Jedenfalls würde sie in dieser grellen kitschverliebten Künstlichkeit den idealen Soundtrack für Bilder von Andy Warhol oder Roy Lichtenstein liefern. Die kryptischen Initialen FBI auf Frau Hagens engem Mieder wir deuten so: Fantastisch Bin Ich.
Warum es hier keine Fernsehaufzeichnung gibt? Schleierhaft! Die im Wohnzimmer Zurückgebliebenen verpassen eine einmalige, gottlob vom Regen verschonte Show.
Zuvor hatte die LE Bigband von Albi Hefele in der Nachfolge von klassischen Jazzorchestern (Woody Herman, Count Basie) das Publikum mit elastischem Swing, erdigem Rhythm & Blues und solidem Soul auf das Kommende recht hübsch eingestimmt. Roger Rögers raue Röhre intonierte „Let The Good Times Roll“ und „Blues In The Night“, drei weitere Vokalisten gaben ihr Bestes, und im Posaunensatz kam Töchterchen Hefele zum Zug. Aber lassen wir die Kirche in Leinfelden-Echterdingen: So handwerklich gekonnt das war, große Kunst bot anschließend bloß Nina Hagen und das Capital Dance Orchestra. Thomas Staiber

~ Thomas Staiber

Deko Füller
Familienbild