Artikel geschrieben am: 01.01.70
--- (Datei: Hafner-PhonB)
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Phon B und Gisela-Hafner-Quintett, Dieselstraße, 28.12.2002
Das Jazzjahr pflegt im Kulturzentrum Dieselstraße mit einem Doppelkonzert regionaler Musiker auszuklingen. Nach all den internationalen Avantgarde-Stars, die in den vergangenen zwölf Monaten dort aufgetreten sind, ist das ein schöner Zug, der nicht nur bei der hiesigen Szene gut ankommt. Dem fachkundigen, oft von weither angereisten Publikum eröffnen sich so Vergleichsmöglichkeiten, bei denen der Jazz schwäbischer Provenienz noch nie schlecht abgeschnitten hat.
Phon B, ein Stuttgarter Trio, das vor ein paar Jahren mit der CD „Kurz darauf“ aufhorchen ließ, kehrt mit verdichteten Strukturen, überraschenden Sprüngen und leuchtenden Klangfarben die poetische Seite des zeitgenössischen Jazz hervor. Gebundene und offene Form in fliegendem Wechsel. Harald Schneider lässt seine Holzblasinstrumente gern hübsch singen, Kurt Holzkämpers 6-saitige Bassgitarre beschränkt sich nicht aufs Begleiten und Bernd Settelmayer ist ein taktvoller Schlagzeuger. Bei den Eigenkompositionen werden oft versöhnliche Töne angeschlagen, die aber unvermittelt an abgrundtiefe Ränder führen können, wo der Eiswind der Dissonanzen weht, bevor sie in milderen harmonischen Landschaften ausklingen. Nicht immer erschließt sich dem Zuhörer der musikalische Sinn der aufwändig erklärten Titel, „Kreuz des Südens“ etwa oder „Ossi Di Sepia“, und mancher bleibt ratlos zurück.
Gisela Hafner, die im zweiten Set Standards sang, ist wegen ihrer aktiven Karriere als Volleyballspielerin und einer längeren Baby-Pause – Tochter Maren ist elf Jahre alt – eine klassische Spätzünderin des Jazz. Aber nicht bloß bei ihr hat es gezündet. Mit ihrer Natürlichkeit, ihrer warmen Stimme, dunklem Timbre, verhaltenem Vibrato, ihrer sehr guten Phrasierung, astreinen Intonation und hübschem Timing singt sie sich sozusagen direkt in die Herzen der Zuhörer. Und das ist bei einem Avantgarde-Publikum wie dem in der Dieselstraße durchaus nicht selbstverständlich.
Ihr Balladen gesättigtes Programms aus dem Great American Songbook erinnert an Diana Kralls exquisite Liedauswahl. Hamiltons „Cry Me A River“ findet sich darin, Cole Porters einst skandalöser Huren-Song “Love For Sale” oder der Blues „Lonely Woman“ von Horace Silver. Und stimmlich braucht Gisela Hafner aus Remseck den Vergleich mit der jüngst so hoch gelobten Lisa Bassenge aus Berlin keineswegs zu scheuen.
Nur die Band (Werner Acker, Gitarre, Hansi Schuller, Kontrabass, Peter Schmid, Schlagzeug, Uli Gutscher, Posaune und Klavier) - lauter gestandene Jazzer - agierte einfach zu brav, zu beamtenmäßig, zu bemüht. Gerade diese wunderbaren alten Liebeslieder von Gershwin und Co. dürfen nicht mit einer Vielzahl von Tönen zugeschüttet werden, sie müssen luftig und sie sollen vor allem lässig klingen. Das gelingt dieser Combo trotz federnden Swings, trotz hübscher Chorusse nur ansatzweise. Dass bei dieser Musik der Funken sofort übergesprungen ist, lag an der Vokalistin, an Gisela Hafner, der Spätzünderin aus dem mittleren Neckarraum.
Thomas Staiber
~ Thomas Staiber