Artikel geschrieben am: 17.07.10

Jan Akkerman / Alvin Lee


Oldtimer-Treffen am Mercedes-Benz-Museum

Die zwei schrägen Ebenen des Mercedes-Benz-Museums wuchten sich in einer Doppelhelix fünfzig Meter nach oben. Davor öffnet sich das weite Rund einer in den Boden eingelassenen Open-Air-Arena, dem Hauptschauplatz des diesjährigen Jazzopen-Festivals. Sie bietet maximal tausend Menschen Platz. Etwa vierhundert - darunter viele höhere Semester - waren zur Gitarrennacht geströmt. Warm angezogen, denn am Samstag gab es nach dem Regen einen spürbaren Temperatursturz. Wahrscheinlich wären noch mehr gekommen, doch George Benson, der Top-Act, hatte abgesagt. Deshalb rockten zwei Bands an diesem Abend: das Quartett des Ex-Focus-Gitarristen Jan Akkerman und das Trio des Briten Alvin Lee, früher Ten Years After, der durch sein zehnminütiges Going-Home-Solo vor vierzig Jahren in Woodstock Rock-Geschichte geschrieben hat.

Die beiden Gitarrenlegenden wissen genau, wie man ein Publikum im Handumdrehen in den Griff bekommt. Akkerman, 63, macht ein paar lockere Sprüche und spielt über einem harten treibenden Rhythmus virtuos seine Gibson Les Paul, von deutschsprachigen Musikern gern „Paula“ genannt. Nicht nur die staunen, welch frisch klingende, sich nie wiederholende Linien der Holländer aus dem Ärmel schüttelt, ohne kaum einmal auf seine Griffhand zu blicken. Solistisch entlasten lässt er sich durch Coen Molenaar am Keyboard. Akkerman ist ein starker Improvisator, der unter weit geschwungenen Bögen eingängige Melodien entstehen lässt und allerlei Zitate einbaut. Gesungen wird bei dieser Band nicht. Es reicht vollauf, dass der Chef seine E-Gitarre singen lässt.  

Alvin Lee, 65, singt in bester Rock-Manier, wie es sich bei einem klassisch besetzten Blues-Rock-Trio für den Frontmann auch gehört. Schon der erste Song „Rock ‚n Roll To The World“ gibt die Richtung vor, der letzte, “Going Home”, vom Publikum ersehnt, wird geradezu frenetisch bejubelt. Auch Lee spielt auf einer Gibson, einer knallroten ES 355, die wegen ihres halbhohlen Korpus besonders sauber, rückkopplungsarm und warm klingt.  Verzierungen lässt er weg und beschränkt sich auf’s Wesentliche. Damit spricht der Rock-Veteran dem Blues aus der Seele. Auch er spielt mit Versatzstücken und zitiert mal ein Clapton-Solo von Cream, mal das Thema von Peter Gunn. Anerkennendes Grinsen der Kenner, von denen sich viele als Amateurschlagzeuger betätigen und heftig auf ihre Schenkel trommeln. Bei der schnellen Elvis-Nummer „My Baby Left Me“ legt Pete Pritchard seinen E-Bass beiseite und bedient einen aufrecht stehenden Schlagbass - wie seinerzeit der Bassist des jungen Elvis. Man mag diese Musik schlicht und alles andere als klischeefrei finden, eins muss man ihr lassen: Sie reißt die Fans mit und macht einfach Spaß.

Wer der umjubelten Zugabe „Going Home“ nicht folgte, sondern schnell ins Bix fuhr, konnte dort, wenn er überhaupt noch ein Plätzchen fand, ein Jazzkonzert in heißer Clubatmosphäre erleben. Curtis Stigers, der charismatische Sänger und Saxophonist, hatte seinen großen Auftritt, der - von schrillen Schreien aus weiblichen Kehlen durchblendet - über die Bühne des High-Tech-Clubs ging. Stigers, den sie einen Crooner nennen, ist als Saxophonist sehr gut, als Sänger ist er eine Wucht. Wie er scattend Schlagzeug- und Kontrabasssolos nachahmt, ist echt faszinierend. Man kann sich kaum vorstellen, dass der mal einen falschen Ton singt. „Bye Bye Blackbird“, eine Henderson-Komposition von 1926, über die schon John Coltrane improvisiert hatte, wird derart frisch interpretiert, als sei sie gerade erst entstanden. Mit seinem jungen wunderbaren Klaviertrio spielt Stigers, der mit dem Publikum flirtet als sei es eine Person, Nummern von Tom Waits oder John Lennon („Jealous Guy“). Den krönenden Abschluss aber besorgt er mit einer fulminanten Bebop-Nummer, bei der Trompetenstar Till Brönner einsteigt und - ohne sich warm gespielt zu haben - mit seinem rasanten Solo die Menschen zu Beifallsstürmen hinreißt. Großartig!

 

 

 

 

 

 

 

 

 

~ Thomas Staiber

Deko Füller
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