Artikel geschrieben am: 01.01.70
--- (Datei: Gustavsen, Tord)
---
Tord Gustavsen, p – Harald Johnsen, b –
Jarle Vespestad, dr Theaterhaus 11.5.06
In der Chaostheorie heißt es, der Schlag eines Schmetterlingsflügels könne einen Sturm auslösen. Die Zartheit des Anschlags von Tord Gustavsen, die Behutsamkeit beim Öffnen von Klangräumen seines Klaviertrios weckt diese Assoziation. Die Improvisationskunst der drei Norweger Mitte dreißig entfaltet sich in einem Kraftfeld von melodischer Innigkeit und dem harmonischen und rhythmischen Abwechslungsreichtum des Jazz. Musik wie im Blütenschimmer, solistische Selbstversunkenheit und seliges Schwelgen - als Vorschein von Glücksmomenten oder als deren Abglanz?
Ein ruhiger Atem durchweht sie, ein lebendiger Puls treibt sie an: ein Rhythmus, der nach dem hektischen Durcheinander des Alltags gut tut, Harmonien, die so schön sind, dass man geneigt ist, ihnen utopische Qualitäten zuzusprechen. Streichelsanft bedient Jarle Vespestad sein Schlagzeug, warm und ruhig klingt Harald Johnsons Kontrabass. Ein weiter Horizont begrenzt diesen leisen Triojazz, der durchflutet wird von Wellen, die unser Innerstes erreichen können.
Da verwundert es nicht, dass dieses Trio in der Jan-Garbarek-Nachfolge von Manfred Eicher in dessen namhaftes ECM-Label aufgenommen wurde, dass es die Sängerin Silje Neergaard als ihre Begleitband ausgewählt hat. Ist es nicht erfreulich, dass erstmals eine Instrumentaljazz-CD zur Nummer 1 der norwegischen Pop-Charts wurde?
Tord Gustavsen - von Bill Evans und Keith Jarrett geprägt – pflegt einen sinnlich-intensiven Klavierstil, der sich aus vielen Quellen speist: aus skandinavischer Folklore, dem Impressionismus eines Debussy, meditativen Sounds, minimalistischen Konzepten, iberischen Klängen und natürlich aus der Tradition von Blues und Jazz.
Wir können nicht anders, als diese intime Musik mit ihren unmerklichen Übergängen von Thema und Improvisation, mit ihrer rhythmischen Tragfähigkeit und ihrer sich langsam entfaltenden Sogwirkung weiterzuempfehlen. Damit aus Lesern Hörer werden. Thomas Staiber
~ Thomas Staiber