Artikel geschrieben am: 01.01.70

--- (Datei: Gustavsen being there)

Das gab es noch nie: ein rein instrumentales Jazzalbum auf dem Platz 1 der norwegischen Popcharts! Dieser Erfolg bleibt dem jungen Pianisten Tord Gustavsen vorbehalten. Ihm gelingt der Spagat, der selten ist: lupenreine Jazzmusik zu machen, die durch die Kraft der Melodie und Improvisation sowie durch eine beeindruckende atmosph�rische Dichte auch ein Publikum erreicht, das mit modernem Jazz sonst nichts am Hut hat. Die drei Musiker des Tord Gustavsen Trios sind als regul�re Begleitband der norwegischen Jazzpop-S�ngerin Silje Nergaard bestens bei uns bekannt und auch hier konnten sie auf zahllosen Konzerten beweisen, dass sie mit allen Jazz- und Popwassern gewaschen sind. Bei seiner eigenen Musik kann Gustavsen sich ganz auf seinen eigenen Stil konzentrieren: lyrische Innerlichkeit, eine Art von expressivem Minimalismus, der vom ersten bis zum letzten Ton �berzeugt. �Bei dieser Musik m�chte man sich in Superlativen verlieren. Sie ist hymnisch, melodiezentriert ins Offene flie�end und hochkonzentriert� (Rheinischer Merkur). Phrasierung und Timbre im Anschlag des Norwegers sind derart vokalistisch, dass �man ihm sofort glauben w�rde, wenn er behauptete, seine rechte Hand sei heute heiser�, wie die S�ddeutsche Zeitung schrieb, oder so das Jazzpodium �Der Kern ist ein Schwelgen im Lied. Von dort wird eine Innerlichkeit extrahiert, die umgarnt, fasziniert und konsequent eing�ngig bleibt.� Eine Trennlinie zwischen Thema und Improvisation gibt es bei Gustavsen nicht. Der Raum zwischen T�nen ist ihm genauso wichtig wie die Noten selbst, ein Konzept, das es ihm und seinem Trio erlaubt, sich mit �u�erster Aufmerksamkeit der langsamen Entfaltung ihrer Musik zu widmen. Dabei erweist sich Gustavsen als wahrer Magier der Melodien. Seine Musik ist von erhabener Sch�nheit und gekennzeichnet von einem sogartigen Wohlklang. �Viele kleine, eigentlich unspektakul�re, Details sind hierf�r verantwortlich: der raffinierte Einsatz von Pausen, die Grundstimmung des Pianissimo, aus dem sich dynamische Exkurse ergeben, die in Schleifen voranschreitende Melodieentwicklung, ein profunder Swing, dazu die Extreme Reduktion, mit der Jarle Vespestad sein Schlagzeug streichelt, und das eigenwillig atmende Bassspiel von Harald Johnsen� (S�ddeutsche Zeitung): �makellos sch�ner, eleganter Kammer-Jazz, dargeboten von einem hellwachen Ensemble� (Stereoplay).


Das norwegische Jazztrio, bestehend aus Tord Gustavsen am Klavier, Harald Johansen am Bass und Jarle Vespestad am Schlagzeug, das bereits nicht nur in Norwegen größere Erfolg gefeiert hat, kommt im Mai nach Deutschland und Österreich. Die erfahrenen Musiker präsentieren eine melodisch-melankolische musikalische Landschaft und ein hervorragendes Zusammenspiel.
27.04.2007 :: Die drei Musiker des Tord Gustavsen Trios sind als reguläre Begleitband der norwegischen Jazzpop-Sängerin Silje Nergaard bestens bei uns bekannt und auch hier konnten sie auf zahllosen Konzerten beweisen, dass sie mit allen Jazz- und Popwassern gewaschen sind.
Bei seiner eigenen Musik kann Gustavsen sich ganz auf seinen eigenen Stil konzentrieren: lyrische Innerlichkeit, eine Art von expressivem Minimalismus, der vom ersten bis zum letzten Ton überzeugt. „Bei dieser Musik möchte man sich in Superlativen verlieren. Sie ist hymnisch, melodiezentriert ins Offene fließend und hochkonzentriert“ (Rheinischer Merkur). Phrasierung und Timbre im Anschlag des Norwegers sind derart vokalistisch, dass „man ihm sofort glauben würde, wenn er behauptete, seine rechte Hand sei heute heiser“, wie die Süddeutsche Zeitung schrieb, oder so das Jazzpodium „Der Kern ist ein Schwelgen im Lied. Von dort wird eine Innerlichkeit extrahiert, die umgarnt, fasziniert und konsequent eingängig bleibt.“
Eine Trennlinie zwischen Thema und Improvisation gibt es bei Gustavsen nicht. Der Raum zwischen Tönen ist ihm genauso wichtig wie die Noten selbst, ein Konzept, das es ihm und seinem Trio erlaubt, sich mit äußerster Aufmerksamkeit der langsamen Entfaltung ihrer Musik zu widmen. Dabei erweist sich Gustavsen als wahrer Magier der Melodien. Seine Musik ist von erhabener Schönheit und gekennzeichnet von einem sogartigen Wohlklang. „Viele kleine, eigentlich unspektakuläre, Details sind hierfür verantwortlich: der raffinierte Einsatz von Pausen, die Grundstimmung des Pianissimo, aus dem sich dynamische Exkurse ergeben, die in Schleifen voranschreitende Melodieentwicklung, ein profunder Swing, dazu die extreme Reduktion, mit der Jarle Vespestad sein Schlagzeug streichelt, und das eigenwillig atmende Bassspiel von Harald Johnsen“ (Süddeutsche Zeitung): „makellos schöner, eleganter Kammer-Jazz, dargeboten von einem hellwachen Ensemble“ (Stereoplay).   Die Tourdaten:   01.05: Hamburg (Stageclub) 04.05: Koblenz (Café Hahn) 05.05: Darmstadt (Centralstation) 06.05: Berlin (Kino Babylon) 08.05: Wien (Porgy and Bess) 09.05: Stuttgart (Theaterhaus) 10.05: Köln (Altes Pfandhaus)



Der norwegische Pianist Tord Gustavsen betrachtet "Being There" als den abschließenden Teil einer Alben-Trilogie, die sein Trio mit "Changing Places" (aufgenommen in den Jahren 2001 und 2002) begonnen und mit "The Ground" (aufgenommen 2004) fortgeführt hatte. Auf "Being There" hat er an seinen musikalischen Prioritäten festgehalten. Den Titel des Albums borgte er sich ganz bewußt von einem Stück des ersten ECM-Albums "The Ground", um die Kontinuität der Musik zu betonen und auch um sein Arbeitskonzept hervorzuheben. Dies wird von Gustavsen folgendermaßen charakterisiert: "Es geht uns darum, äußerst gegenwärtig, aufmerksam und auf die Fülle des Moments fokussiert zu sein. Das Trio hat eine definitive Ausrichtung bzw. einen definitiven Klang, aber innerhalb dieses Rahmens gibt es immer noch viele Nuancen auszuloten."
Gustavsens klar skizzierte Melodien definieren einen Großteil der klanglichen Identität des Trios. Nicht weniger tut dies jedoch auch die Art und Weise, wie sich das Trio diesen nähert. Technische Extravaganzen spielen in Gustavsens Klangwelt so gut wie keine Rolle: Dezenz ist ein Markenzeichen seiner Musik.   "Das ist natürlich eine Frage der Disziplin", erklärt Gustavsen. "Aber es handelt sich hier um eine Disziplin, die auf eine Vorliebe für Zwischenräume zurückzuführen ist und nicht auf eine anorektische Minimalisten-Ideologie. Es geht darum, 'jede einzelne Note zu lieben' - wenn ich das mal in Schlagworte fassen darf - oder darum, das zu spielen, was man selber wirklich hören möchte, und nicht das, von dem man denkt, daß man es spielen sollte." Diese "Zurückhaltung" schafft Raum, in dem andere musikalische Entwicklungen natürlich knospen können. Etwa wenn Jarle Vespestads Schlagzeug in den Mittelpunkt des Geschehens rückt. Das Schlagzeug, so Gustavsen, ist eine entscheidende Komponente dieser Musik. Bei den Konzerten des Trios wurde dem schon recht früh Rechnung getragen, besonders evident wird die wichtige Rolle des Schlagzeugs nun auf "Being There".   "At Home" wurde bereits kurz nach der Veröffentlichung von "The Ground" komponiert und ist bereits seit drei Jahren fester Bestandteil des Live-Repertoires des Trios. Das lyrische, fast schon romantische Stück, mit dem das Trio schon häufig Konzerte begann, dient als Eröffnungsnummer des Albums. "Es bietet uns immer noch faszinierend viel Raum für die Erkundung rhythmischer und tonaler Möglichkeiten", meint Gustavsen.   Das Stück "Vicar Street" wurde nach der Straße und einem Veranstaltungsort in Dublin benannt, wo das Trio die Nummer zum ersten Mal aufführte. Bei seiner Einspielung im Osloer Rainbow-Studio gab die Band ihm eine neue Richtung: "Es beginnt abstrakter und die Melodie schält sich erst gegen Ende des Stücks heraus. Es ist eine einfache Melodie, und die Tatsache, daß es eine Art pastorale Implikation besitzt, ist nicht ohne Bedeutung." "Draw Near" ist die erste von einer Reihe wortloser Hymnen, die man auf diesem Album vorfindet. "Ein clusterähnlicher Akkord am Anfang verleiht dem Stück einen Anflug von tonaler Zweideutigkeit. Doch dann endet es mit einer sehr eindeutigen Gospel-Stimmung. Dieses Stück zu spielen, bedeutet eine Balance zwischen der Offenheit und der fundamentalen Verwurzeltheit zu finden. Das gilt übrigens für eine ganze Reihe von Stücken dieses Albums."   "Blessed Feet" bezeichnet Gustavsen als ein "leise sprechendes, aber tanzendes Stück". Die Inspiration dazu liefert dem Pianisten sein kleiner Neffe, dem er das Stück auch widmete. "Die folkähnliche, verspielte Melodie basiert auf ein paar Silben, die er einmal gebrabbelt hat", erläutert Gustavsen. Unüberhörbar besteht auch eine entfernte Verwandtschaft zu Keith Jarrett und seinem "Belonging"-Quartett sowie zu Jon Christensens trockenen Schlagzeug-Patterns. Ganz sicher zählt "Blessed Feet" zu den "Hits" von "Being There".   "Sani" wurde wie "Vicar Street" nach dem Ort benannt, an dem das Stück öffentlich uraufgeführt wurde. "Das Sani-Festival findet am Meer bei Thessaloniki statt. Wir waren letztes Jahr dort und spielten auf einem majestätischen Hang, von dem man einen atemberaubenden Ausblick auf die steilen Berge hatte, die geradewegs in die See hinabzustürzen schienen." Das Stück wurde von Tord Gustavsen und Jarle Vespestad im Duo eingespielt. "Sehr frei in Tempo und Ausdruck und ziemlich frei improvisiert", bemerkt der Pianist. In den improvisatorischen Fluß werden aber immer wieder Melodiefragmente eingestreut.   Daran schließt sich das von Gustavsen solo interpretierte "Interlude" an, das "den gleichen Geist wie 'Sani' hat, aber keine klare, vorher komponierte Melodie besitzt. Stattdessen ist es ein rigoros aus dem Stegreif erschaffenes Stück. Ich führe solche Interludien häufig bei Konzerten auf, um einen Übergang zwischen Stücken zu schaffen."   "Karmosin" ist die einzige Nummer dieses Albums, die nicht von Tord Gustavsen stammt. Komponiert hat sie Bassist Harald Johnsen. "Ein wunderbares, tangoähnliches Stück, das förmlich nach einem Regisseur schreit, der es als Filmthema übernimmt. Für diese Aufnahme haben wir das Stück neu arrangiert. Dadurch, daß es hier mit einem Schlagzeugsolo beginnt und die Phrasierung des Baß anders ist, schlägt das Stück eine andere Richtung ein."   "Still There", eine langsame Gospel-Nummer im 6/8-Takt, ist geradezu charakteristisch für Gustavsens Kombination von "radikaler Simplizität und tonaler Zweideutigkeit". Der Tonartwechsel in der Mitte des Stücks ist kaum wahrnehmbar. Wie "Draw Near" gehört auch "Still There" zu den hymischen Stücken dieses Albums. "Die Hymnen habe ich so über das Album verteilt, um eine formale Bindung herzustellen."   Mit seinem phrygischen Modus und dem dezent "spanischen" Anstrich erweckt "Where We Went" den Eindruck, als breche das Trio zu vollkommen neuen musikalischen Ufern auf. "Hinsichtlich der Art und Weise, wie das Stück konstruiert wurde, stimmt dies auch", räumt Gustavsen ein, "weniger indes hinsichtlich seiner Essenz. Es beginnt mit einem deutlichen Uptempo, während wir ansonsten ja oft eher langsam beginnen, um uns alle rhythmischen Optionen offenzuhalten. Aber auch hier lassen wir durch unsere Herangehensweise wieder viele offene Räume. In dem Stück kombinierten wir Ideen, zu denen wir durch den Cool-Jazz der Ostküste inspiriert wurden - für den Lennie Tristano ein Musterbeispiel wäre -, mit einem erdigeren und raumorientierten Ganzen. Ich weiß selbst nicht, wie sich dieser spanische Einfluß eingeschlichen hat. Wir hatten nie im Sinn, Musik zu spielen, die von spanischen oder karibischen Klängen beeinflußt ist..."   In "Cocoon" geht es, wie der Titel schon vermuten läßt, um Verwandlung und Transformation. "Dies ist ein Stück, bei dem wir mit Formen spielen. Das heißt: bekannten Formen einen kleinen, anderen Dreh geben.'Cocoon' an sich hat - anders als einige andere Stücke des Albums - eine suitenähnliche Form - einen Rubato-Teil und einen Abschnitt mit einem Gospel-Feeling, der zu einem Baßsolo überleitet - wir kontrollieren das Material hier auf eine andere Art."   "Around You" ist eine romantische Ballade, die dank der Akkordstruktur an das Stück "Your Eyes" von "Changing Places", dem ECM-Debütalbum des Trios, erinnert.   "Vesper" wiederum ist ein Stück, das als Vorspiel sogar schon bei Gesangsgottesdiensten in norwegischen Kirchen Verwendung fand. Es ist buchstäblich eine Hymne: zutiefst ruhig und in seiner Einfachheit ein geradezu kühnes Statement. "Unsere Musik basiert mindestens genauso sehr auf Hymnen und Gospelmusik wie auf zeitgenössischem Jazz oder zeitgenössischer Klassik."     Mit "Wide Open", einer letzten Hymne, klingt dieses wunderbar harmonische und zugleich spannende Album dann aus. Im Mai wird das Tord Gustavsen Trio die Musik von "Being There" bei sechs Konzerten in Deutschland präsentieren: am 3. Mai tritt es im Hamburger Stageclub auf, am 4. Mai im Koblenzer Café Hahn, am 5. Mai in der Darmstädter Centralstation, am 6. Mai im Kino Babylon in Berlin, am 9. Mai im Stuttgarter Theaterhaus und am 10. Mai schließlich im Alten Pfandhaus in Köln.


Tord Gustavsen Aktuell vom 01.05.2003
Das Spektakuläre dieses Trios liegt in der kargen Ruhe und melancholisch-eingängigen Melodik seiner Musik. Gäbe es nicht so viele wärmende Blue-Note-Funken, diese »subtle funkiness«, von der Tord Gustavsen spricht, man könnte schier von Klängen, klar wie Fjord-Wasser, reden.
Von Markus Vanhoefer Changing Places ist der Titel der Debüt-CD des norwegischen Tord Gustavsen Trios, dem neben dem gleichnamigen Osloer Pianisten (Jahrgang 1970) der Kontrabassist Harald Johnsen und Jarle Vespestad am Schlagzeug angehören. Mit der Veröffentlichung dieses Albums schlägt das Münchner Label ECM ein neues Kapitel seiner seit vielen Jahren musikalisch so intensiven skandinavischen Beziehungen auf. Die Kinder von Garbarek und Rypdal melden sich zu Wort. Markus Vanhoefer: Drei Freunde müsst ihr sein, gilt das für die musikalisch-menschliche Entwicklung Ihres Trios? Tord Gustavsen: Wir kennen uns schon aus unserer Studienzeit in der Jazzklasse des Konservatoriums in Trondheim. Dort herrscht ein äußerst kreatives Umfeld, in dem vieles möglich ist. Also haben wir eine gemeinsame Geschichte, dennoch sind wir sehr unterschiedliche Persönlichkeiten. Harald, Jarle mit seinen elektronischen Experimenten in »Supersilent« oder ich, jeder ist in und mit diversen Projekten beschäftigt. Für unser Trio ist das äußerst stimulierend. Markus Vanhoefer: Ein Debüt bei einem internationalen Label wie ECM, davon können viele jüngerer Klavier-Trios nur träumen. Wie haben Sie das hingekriegt? Tord Gustavsen: Eine Trio-Aufnahme war schon immer mein großer Wunsch. Und als sich unser Konzept immer mehr abzeichnete, mietete ich einfach ein Studio in Oslo, das gleiche Studio, das Manfred Eicher von ECM benutzt. Der Toningenieur hat ihm ein Stück von uns vorgespielt und so klingelte ein paar Tage später mein Telefon. Markus Vanhoefer: Wenn wir an Norwegens Musik von Grieg bis Garbarek denken, dann entdecken wir in ihr Charakteristika, die auch die kristalline Emotionalität Ihres Spiels kennzeichnen. Ein Klischee, oder gibt es dieses skandinavische Idiom wirklich? Tord Gustavsen: Ich bin mir nicht sicher, ob ich der Richtige bin, um diese Frage zu beantworten. Aus der Ferne lässt sich das besser beurteilen. Sicher: Man kann schon gemeinsame Wurzeln hören, Begriffe wie »Raum und Weite, Offenheit oder Lyrizismus«. So etwas findet man schon in skandinavischer Musik, aber natürlich nicht in jeder. Markus Vanhoefer: In Skandinavien spielt Musik eine große gesellschaftliche Rolle, auch als Ausdruck nationaler Identität. Wir Deutsche können nur neidisch sein, wie im Norden Europas Musik und Musikausbildung gefördert werden. Ein Grund für das erstaunliche Niveau vieler skandinavischer Jazzmusiker? Tord Gustavsen: Unserer Jazzausbildung ist schon besonders gut. Zum Studium werden jedoch nicht allzu viele Leute zugelassen. Aber ich schätze, der Musikunterricht an allgemeinbildenden Schulen ist auch nicht anders als anderswo. Und was die Massenmedien betrifft, da hat es auch in Norwegen jede Musik schwer, die nicht gerade Pop-Mainstream ist. Dennoch haben viele Norweger – auch wenn sich das nicht unbedingt in Plattenverkäufen niederschlägt - eine Art Antenne für kreativen Jazz, ja, es gibt schon ein besonderes Bewusstsein für Jazz. Markus Vanhoefer: Ein Beispiel: Die Sängerin Silje Nergaard, deren Begleittrio Ihr Trio ja ist, befindet sich auf Platz 1 in den norwegischen Pop-Charts. Etwas Vergleichbares wäre im »No-Angels«-Land Deutschland undenkbar. Tord Gustavsen: Ja, Silje ist bei uns mit dieser Mischung aus Singer / Songwriting, begleitet von Jazzmusikern, sehr, sehr erfolgreich. Man darf dabei eines nicht vergessen: Silje Nergaard gehört schon seit vielen Jahren zu Norwegens Musikszene, und ihre Erfolge sind die Früchte langer, harter Arbeit. At First Light ist doch wirklich auch ein sehr schönes Album. Markus Vanhoefer: Wenn Sie zurückdenken: Wie sahen Ihre ersten musikalischen Schritte aus? Tord Gustavsen: Ich war noch sehr klein, gerade vier, als ich mit Musik angefangen habe. Wenn er sich zu Hause ans Klavier setzte, hat mich mein Vater auf seinen Schoß genommen. Er erzählte mir Geschichten, zu denen wir zusammen Melodien erfunden haben. So habe ich als Vierjähriger meine ersten kleinen Stücke komponiert. Das war mein Eintritt in die Welt des Improvisierens. Später erhielt ich eine klassische Ausbildung und habe viel in Kirchen gespielt, ja, die Kirche ist ein wichtiger Teil meines Backgrounds ... Markus Vanhoefer: Moment! Waren Sie etwa früher ein Kantor im Sonntagsgottesdienst? Tord Gustavsen: Genau, ich habe Chöre begleitet, den ganz normalen Gottesdienst, viel Gospel gespielt. Dies war sehr wichtig für meine Entwicklung. Mein Gefühl für musikalische Freiheit, meine Konzentration auf die Melodie, das kommt alles davon. Deshalb arbeite ich bis heute gerne mit Sängern zusammen. Lassen Sie es mich so sagen: Mein melodisches Ohr muss permanent von Leuten bedient werden, die aus einer einfachen Melodie das Optimale herausholen können. Markus Vanhoefer: Von Kanzel und Choral in den Jazzklub, wann kam diese Kehrtwende? Tord Gustavsen: Das hat im Teenager-Alter mit Fusion und dem Jazzrock der 80er angefangen. Da fällt natürlich vieles darunter, das mir heute nicht mehr so zusagt. Aber ich denke, wenn man sich mit dem Improvisieren, mit Grooves, musikalischer Interaktion, oder dem Blues auseinander setzt, dann führt der Weg automatisch zum Jazz. Ich war jedoch bereits 18 oder 19 Jahre alt, als ich mich mit Jazz-Standards beschäftigt und die amerikanische Jazz-Tradition erforscht habe. Das war doch ziemlich spät. Markus Vanhoefer: Was bedeutet diese amerikanische Tradition für Sie? Tord Gustavsen: Sehr viel. Natürlich habe ich, wie jeder Pianist meiner Generation, viel von Pianisten wie Bill Evans oder Keith Jarrett gelernt, aber die Sängerinnen, die aus dieser Tradition stammen, sind für mich mindestens genauso wichtig. Für mich sind Bessie Smith und Billie Holiday die größten Jazzmusiker überhaupt. In letzter Zeit habe ich zusätzlich den frühen Jazz, also den Blues, die Jahrhundertwende, die Karibik, die Musik aus New Orleans für mich entdeckt. Das klingt vielleicht merkwürdig, wenn Sie unsere Musik hören ... Markus Vanhoefer: Durchaus nicht, die einfache Lied-Form, Ihre Melodiebildung, Phrasierung, die Sangbarkeit Ihrer Themen ... Tord Gustavsen: Richtig! Die Sinnlichkeit, auf der unsere Musik basiert, hat sehr enge Bezüge zum Blues-Feeling. Dazu kommt, dass ich viel vom rhythmischen Konzept des New-Orleans-Stils gelernt habe, wie dessen Musiker das Metrum unterteilen. Nie lässt sich sagen, ob deren Unterteilung triolisch, wie ein Shuffle, oder gerade ist. Das geschieht gleichzeitig und schafft eine rhythmische Textur, die der spätere Jazz oft nicht mehr besitzt. Markus Vanhoefer: Jazz-Traumland USA? Tord Gustavsen: Einerseits, andererseits ist meine Musik ohne Zweifel europäisch. Der französische Impressionismus eines Debussy, neoklassizistische Komponisten, meditative Kirchenmusik oder auch skandinavische Folklore haben sie mindestens genauso geprägt. Aktuelle CD: Tord Gustavsen: Changing Places (ECM)

~ Thomas Staiber

Deko Füller
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