Artikel geschrieben am: 01.01.70
--- (Datei: Gustavsen 07)
---
Tord Gustavsen Trio, 9. 5. 2007 TH
Wonnejazz im Monat Mai
Tord Gustavsen, der 36-jährige Jazzpianist aus Oslo, beugt sich selbstversunken über die 88 Tasten des weit aufgeschlagenen Flügels und spielt einen einzigen Ton. Es ist ein Ton, der aus einer tiefen Stille aufzusteigen scheint, bevor er wieder leise verhallt. Während um uns langsam alles schneller wird, hat sich das norwegische Pianotrio der Entschleunigung verschrieben. So wie Christoph Marthaler im Theater, Eric Rohmer im Film oder Sten Nadolny im Roman.
Was ist das für eine Musik, die sich so viel Zeit lässt, sich langsam entfaltet wie eine Blüte, behutsam sich auf ihren Höhepunkt zu bewegt? Eine sinnliche Musik, Musik, die ihre Kraft aus der Ruhe schöpft, singende Musik, Musik, die der Seele gut tut. Sie führt uns in Klangräume von glühender Tiefe, unangestrengter Leichtigkeit und warmherziger Freundlichkeit. So als würde eine Utopie wahr, eine Sehnsucht sich erfüllen. Um es mit den Worten eines Kindes zu sagen, das „Being There“, die jüngste CD von Tord Gustavsen, so kommentierte: „Das ist aber eine schöne Einschlafmusik.“
Weich fließen da die Übergänge zwischen Thema und Improvisation, dezent und voller Wärme begleitet der Kontrabass (Harald Johnson hat sich das Instrument von Veit Hübner geliehen), streichelsanft und höchst präzis agiert Jarle Vespestad (der bespielt das Schlagzeug von Obi Jenne). So kann sich Gustavsens Improvisationskunst entfalten: mit hoher Anschlagskultur und feinem Rhythmusgespür.
Ein ruhiger Atem durchweht diese melodienselige Musik, ein lebendiger Puls treibt sie behutsam an. Die drei Norweger widmen sich der Fülle des Augenblicks, um ganz darin aufzugehen. Dabei schöpfen sie aus ganz unterschiedlichen Quellen: Auf eine romantisch angehauchte Ballade im Zeitlupentempo („At Home“) folgt - mit gedämpfter Ekstase - nach einem sperrigen Clusterakkord die hymnische Gospelnummer „Draw Near“, bei „Sani“ mischen sich Abstraktion und Melodiefragmente, spanische Klangfarben prägen „Where You Went“, und „Coccon“ schildert in Form einer Suite das Thema einer Verwandlung. Es finden sich Elemente skandinavischer Folklore, süffige karibische Klänge, ein Löffel voll Blues, eine kühle Tonfolge von Grieg, eine andere von Debussy, zeitgenössischer Jazz, der ins Offene führt. Kurz: Das Tord-Gustavsen-Trio macht traumhaft schöne Musik - wie geschaffen für eine Sommernacht unter freiem Himmel. Thomas Staiber
~ Thomas Staiber