Artikel geschrieben am: 01.01.70
--- (Datei: Gunnalaugs, Sunna)
---
Sunna Gunnlaugs Quartet 30.03.03 Dieselstraße
Isländischer Jazz blüht eher im Verborgenen. Doch eine 32-jährige Jazzpianistin ist drauf und dran, das zu ändern. Sunna Gunnlaugs lebt – fünf Flugstunden vom überschaubaren Reykjavik entfernt – seit einem Jahrzehnt in New York. Man kennt sie in der Knitting Factory und in der Washingtoner Blues Alley. Amerikanische Kritiker rücken sie – ein wenig voreilig - in die Nähe des herausragenden Tastenkünstlers Bill Evans („Kind Of Blue“).
An eine Eisblume, an deren vergängliche Kristallschönheit, an kaleidoskopartige Formenvielfalt mag man denken, wenn – wie jetzt in der Dieselstraße – diese sensible und ausbalancierte Musik aufgeführt wird. Darin scheinen isländische Natureinsamkeit und New Yorker Großstadtgetriebe aufgehoben zu sein. Solche Widersprüche kann moderner Jazz in sich aufnehmen, wenn er sich im Spannungsfeld von Festlegung und Spontaneität vielschichtig und raffiniert entfaltet.
In diesem Fall geschieht das zunächst zaghaft, fragend, wie in sich hinein horchend. Das junge Quartett von Sunna Gunnlaugs geht mit dem musikalischen Material um, als ob eine fast vergessene Erinnerung wieder ins Bewusstsein gehoben werden sollte. Zunächst ganz behutsam, dann immer selbstbewusster, kraftvoller und strahlender sind die Interaktionen und Chorusse. Verhalten swingend, melancholisch angehaucht, aber frisch wie Eis. Gunnlaugs’ Schlagzeuger (und Lebenspartner) Scott Mc Lemore stellt die Kontinuität des Rhythmus sicher und setzt perkussive Akzente, Kontrabassist Matt Pavolka sorgt für Orientierung und Halt, während Saxophonist Loren Stillman, dessen Spiel von weither an Garbarek erinnert, die Harmonien verdichtet und versinnlicht. Gunnlaugs selbst begleitet dezent und geschmackvoll, um dann beim Solo ihr Bestes zu geben und vollends aufzublühen.
Dieser durchaus bemerkenswerte Jazz würde noch wesentlich stärker wirken, kämen einem dabei nicht bloß Eisblumen in den Sinn, sondern andere Aspekte der isländischen Natur, siedende Geysire etwa oder magmaheiße Vulkane. Statt dessen erlebt man Introspektion und Introversion. Auf sponatane Ausbrüche, Ungezügeltes, Wildes oder gar Ekstase wartet man vergeblich. Thomas Staiber
~ Thomas Staiber