Artikel geschrieben am: 01.01.70

--- (Datei: graf klaus)

Graf Jazzquartett, 21.10.02 Rogers Kiste
Er hat lange geschwiegen, ist also ein Philosoph geblieben. Als geschwätziger Schnellschussproduzent jedenfalls wird der Altsaxophonist Klaus Graf nicht in die Annalen des modernen Jazz eingehen. Zwanzig Jahre hat er sich Zeit genommen, bis er mit Eigenkompositionen herauskam. Bundesjazzorchester (Peter Herbolzheimer), SDR Orchester (Erwin Lehn), SDR All Star Quintett, Gründung zweier Gruppen (Cornichon, Timeless Art Orchester), Tourneen durch Europa und die USA, Konzerte mit Chaka Khan, Phil Collins, Al Jarreau, Clark Terry oder Phil Woods: Das waren Stationen im Leben des schwäbischen Jazzmusikers Klaus Graf. Das hat nun endlich Früchte getragen: süße saftige Balladen und knackige Soul-Jazz-Nummern mit Biss.
Der Auftakt der Tour, bei der die neue CD mit dem bezeichnenden Titel „Changes In Life“ präsentiert wird, fand in der rappelvollen Kiste statt. Die Live-Atmosphäre gibt diesem packenden Mainstream-Jazz erst den richtigen Kick. Da stört sich keiner am fließenden Thekenhahn, an klingenden Gläsern, an Gesprächsfetzen und einem Lachen. Grafs Jazzquartett, umgeben von Kennern und Liebhaber(inne)n dieser Musik, geht entspannt und konzentriert zu Werke. Nach jedem Chorus von „True Blues“ gibt es anerkennden Applaus, der nach wenigen Stücken hörbar in Begeisterung umschlägt. Nicht von ungefähr: Das ist beseelter groovender Jazz, bei dem vielen das Herz aufgeht.
Die vier Musiker sind dicht beieinander, befördern sich wechselseitig, ohne sich auf egoistische Blindflüge zu begeben. Da marschiert ein elastischer Kontrabass (Uli Glaszmann), da wird ein Drum Set sensibel und kraftvoll bedient (Obi Jenne), da sitzt ein Mann am Klavier (Olaf Polziehn), der geschmackvoll begleitet und mit hoher Ideendichte und großer Fingerfertigkeit soliert. Und da ist vor allem der Bandleader, den sie „Sir Charles“ rufen. Graf, der Cannonball Adderley und Phil Woods als Vorbilder nennt, spielt im Spannungsfeld hoher emotionaler Energie und völliger Kontrolle, er hat einen eindringlichen, aber runden Ton und einen trockenen Bühnencharme. Ganz hingebungsvoll gerät sein Solo bei „Claudia“, einer sinnlichen Latin-Ballade von Chucho Valdez. Grafs Frau, die auf eben diesen Vornamen hört, schaut zur Bühne hoch und lächelt.
Ein anderes, wesentlich dissonanteres Stück, das Graf geschrieben hat, trägt den Titel „Pollex Dolorosus“. Es erinnert ans Skifahren und einen komplizierten Daumenbruch. Der Bassist (zwei Arme beim Schlafwandeln) und der Schlagzeuger (eine Hand beim Drachensteigen lassen) haben jüngst auch Erfahrungen mit gebrochenen Extremitäten machen müssen. Doch jetzt spielen sie wieder wie aus einem Guss. Der Pianist, der bisher verschont blieb, sowieso.
Thomas Staiber


~ Thomas Staiber

Deko Füller
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