Artikel geschrieben am: 01.01.70

--- (Datei: Geir Lysne + Colin Towns NDR Bigband 07.02.06)

Geir Lysne Listening Ensemble – NDR Bigband unter Colin Towns, 7.2.06 Beethovensaal
Was für eine Jazznacht! Die klangliche Farbenpracht und Dynamik zweier Bigbands füllte mit enormer Wucht den Mozartsaal der Liederhalle, in den das Doppelkonzert kurzfristig verlegt worden war. Das Listening Ensemble des 39-jährigen Geir Lysne, in dem übrigens als einziger Deutscher Eckhard Baur ins Horn stößt und singt, erregt Aufsehen. Anstatt im - häufig kanalisierten - Hauptstrom des Bigbandjazz mit zu schwimmen, speist sich die sehr komplexe, hoch komplizierte, aber mitreißende Musik Lysnes aus anderen Quellen. Da ist die uralte Tradition der Samen und deren kehlig-rauer Obertongesang, an der sich Lysnes zeitgenössische musikalische Konzepte reiben, da ist die klassische Musik Griegs, auf dessen Spuren der eigenwillig-innovative Orchesterleiter wandelt, und da ist natürlich der Jazz in seiner ganzen Kraft und rauen Schönheit. Im Spannungsfeld von archaischen und experimentellen Klängen entfaltet das Listening Ensemble seine Energie. Gesampelte Keyboardsounds, scharfe Bläserriffs, eine Maultrommel, eine dröhnende Pauke, ein eruptives Saxophonsolo überlagern, überschneiden und verdichten sich. Das Einstudieren der vertrackten Partituren hat den Musikern sicher einiges abverlangt. Belohnt werden sie - und das Publikum - durch die phantastischen Hörgemälde Lysnes, die in der Welt des Jazz ihresgleichen suchen.

Frank Zappa, das provokante Genie der Rockmusik, das sich aus allen Schubladen bediente und oft bis zum Äußersten ging, hat mit seinen aufregenden Tunes die Bigband des NDR unter der Leitung des Engländers Colin Towns, einem ehemaligen Rock-Keyboarder, zu einem fulminant umgesetzten Projekt angeregt. Eine Stunde knackige Grooves, galoppierende Rhythmuswechsel, eine Stunde „Peaches En Regalia“, „King Kong“, „G-Spot Tornado“ und wie die obszön-aggressiv-ironischen Nummern des 1993 in Los Angeles an Prostatakrebs verstorbenen Zappa alle heißen. Der hätte das Konzert der rockenden Big Band wohl auf seine Art kommentiert: „Das riecht aber komisch“.
Wie wohl, fragte man sich beim Verlassen der Liederhalle, wäre die Menschheitsgeschichte verlaufen, wenn Schlachten statt militärisch musikalisch, statt mit Kanonen zwischen Orchestern ausgetragen worden wären, in Konzertsälen statt auf Schlachtfeldern? Die Bigband-Battle im Beethovensaal hat es eindrucksvoll gezeigt. Wir leben noch. Thomas Staiber

~ Thomas Staiber

Deko Füller
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