Artikel geschrieben am: 01.01.70

--- (Datei: Gazarow Chopin 9.9.2010)

David Gazarow spielt Chopin und Jazz, Bix 9. 9. 2010
Der Pianist David Gazarow aus Aserbeidschan nennt Chopin einen Salonmusiker. Dann dürfen wir ihn einen Lounge-Virtuosen heißen. Gazarow - seit Jahren im Münchener Nobelhotel „Vier Jahreszeiten“ am Piano gepflegt die Gäste unterhaltend - ist auf den Zug aufgesprungen, der im Chopin-Jahr zum 200. Geburtstag des großen Polen von Konzert zu Konzert dampft. Am Donnerstagabend nun hat er Station gemacht im ausverkauften Jazzclub Bix. Chopin und Jazz – geht das?
In den Strom der romantischen Klavierklänge eines Chopin-Impromptu in Cis-Moll baut Gazarow zunächst fast unmerklich ein paar rhythmische Widerstände ein. Das führt zu kaum spürbaren Stockungen, zu ein paar Strudeln und Gegenläufigkeiten, bevor er den perlenden Klangfluss wieder ungehindert und unverfälscht ausklingen lässt. Gazarow schwelgt in den Schönheiten der Chopinschen Harmonien wie in Liebeserinnerungen, an denen er das aufmerksam lauschende Publikum teilhaben lässt. Mit den Mitteln des modernen Jazz raut er Chopins gefühlvolle Klangschönheiten auf und holt ihn aus den Pariser Salons des 19.Jahrhunderts in den Stuttgarter Club. Das tut er mit großer Leichtigkeit. Technische Probleme scheint der in Baku und Moskau ausgebildete Pianist, der mit Aziza Mustafa Zadeh studiert hat, überhaupt nicht zu kennen. Bei einer selten gespielten Etüde in Es-Moll, die sich ganz im Geist Chopins entfaltet, tritt der Jazz nicht heimlich, sondern plötzlich mit triumphaler Geste auf: „Seht her, hier bin ich. Ich mache die Sache spannend!“ Chopin und Jazz - das geht. Die Jazzpapaphrase klingt aus wie ein Gewitter, auf das der warme Regen der romantischen Musik folgt - bestrahlt vom milden Abendlicht. Gazarow spielt noch ein Scherzo, widmet Chopin, dessen Körper in Paris, aber dessen Herz in Warschau begraben ist, eine Eigenkomposition und wendet sich dann ganz dem Jazz zu. Er spielt „Confirmation“, eine rasante Bebop-Nummer von Charlie Parker, das bekannte „Take Five“ von Paul Desmond, „Sophisticated Lady“ und „Caravan“ von Duke Ellington. Mit wahren Tonkaskaden übersprüht er die Jazzkompositionen und Improvisationen. Unter seinen Händen geraten sie zu Schau- und Paradestücken der Fingerfertigkeit. Sichtlich beeindruckt applaudiert das Publikum des Musikfestes Stuttgart. Das zarte Wiegenlied „Schlafe, mein Prinzchen, schlaf ein“ klingt noch nach, als es sich auf den nächtlichen Heimweg macht.
Thomas Staiber


~ Thomas Staiber

Deko Füller
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