Artikel geschrieben am: 01.01.70
--- (Datei: Gayle, Charles 28.2.2010 ES)
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Charles Gayle Trio, 28.2.2010 Dieselstraße
Ist es sein unbedingter Wille zur Freiheit oder doch nur eine zur Legende hochstilisierte Erfolglosigkeit? Bei Charles Gayle, der jahrelang in New Yorker U-Bahn-Schächten Saxophon spielte wie ein Wilder, ist das schwer zu sagen. In Zeiten, wo ein zum Post Free geläuterter Free Jazz auch einmal ans Ufer des Marktes gespült werden kann, taucht Gayle jedenfalls aus den Unterführungen auf und begibt sich ins Scheinwerferlicht von Avantgarde-Clubs – von der New Yorker Knitting Factory bis in die Esslinger Dieselstraße. Hier gab sich an seinem 71. Geburtstag der kompromisslose Saxophonist nun selbst ein Ständchen. Mit von der Partie: Juini Booth, der den im Oktober verstorbenen Kontrabassisten Sirone ersetzte und der britische SchlagzeugerRoger Turner, der für den bei der Tour erkrankten Sunny Murray einsprang. Das Konzert - meilenweit entfernt von fröhlicher Happy-Birthday-Stimmung - mutete an wie der Besuch in einem Atelier, wo sehr ernsthaft geschafft wird. Man wurde Ohren- und Augenzeuge musikalischer Entstehungsprozesse. Es handelte sich um musikalische Einzelanfertigungen in Echtzeit, also um einmalige unwiederholbare Hörereignisse. Vorgefertigte Versatzstücke sind in solchen Avantgarde-Kreisen nämlich verpönt. Spontaneität heißt das Zauberwort.
Während der grimmig dreinblickende Drummer mit schnellen harten Schlägen auf Becken und Fellen ein dröhnendes Donnerwetter entfacht und der Bass ein minimales melodisches Raster ostinat wiederholt, entlockt Gayle seinem Saxophon eine Suada freier Töne. Sanft fließen die nicht, da gibt es Gegenläufigkeiten, Hindernisse und überraschende Strudel. Sie changieren zwischen Geflüster und Schrei. Schreie der Angst, Schreie der Lust, des Protests? Wer weiß. Faszinierend jedenfalls ist Gayles Ideendichte. Dieser scheue, linkisch wirkende Afroamerikaner scheint aus einer nie versiegenden Quelle schöpfen zu können. Bei aller Sperrigkeit erweist er sich doch gelegentlich als Melodiker. Besonders wenn er sich bei einer leise schwebenden Ballade an den Flügel setzt. Doch schon droht das nächste Klanggewitter. Nach einer heftigen Viertelstunde ist es vorbei. Die Schlagzeugbesen klingen nun wie prasselnder Regen, der Bass brummt gutmütig warm, und der heftige Holzbläser aus New York City schließt die Augen, gibt sich der lyrischen Stimmung hin und reiht einen pastoralen Wohlklang an den anderen. Doch wie gesagt: Die Ruhe nach dem Sturm ist bei Charles Gayle und seinen beiden Begleitern stets die Ruhe vor dem Sturm. Schon wetterleuchtet es wieder in der Ferne. Auf das fachmännische Publikum wartet der nächste Hagel von Geräuschen, Klängen und Tönen. Thomas Staiber
~ Thomas Staiber