Artikel geschrieben am: 09.09.08

Kati Brien

Wir treffen uns um neun in der Kiste. Kati Brien, ein neunzehnjähriges Mädchen, wird dort bald mit ihrem Quartett auf den Brettern stehen, die die Welt bedeuten. Kati steht auf dem Sprung zu einer viel versprechenden Karriere als Jazzmusikerin. Die blutjunge Altsaxophonistin gilt als Ausnahmebegabung. Einer, der es wissen muss, nämlich Klaus Graf, Professor an der Musikhochschule Nürnberg, nennt Kati Brien „ein Jahrhunderttalent“. Mit seinem Kollegen Andi Maile wird er es sich nicht nehmen lassen, bei dem Gig in der Kiste einzusteigen, damit die Klangwellen höher schlagen.

Bernd Konrad, der an der Stuttgarter Musikhochschule den Studiengang Jazz leitet, sagt, so etwas wie Kati habe er noch nie erlebt. Mit ihrer intuitiven Begabung könne sie alles spielen, von Rollins bis Coltrane, sie habe ein wunderbares Taktgefühl und Timing und würde nun nach dem Abitur (beste Noten: Musik, Mathematik und Physik) als Bachelor-Studentin im Berliner Jazzinstitut bei Peter Weniger ihr großes Potential ausschöpfen. Es sei gut, dass sie nun flügge werde. Wegen der Schule konnte Kati bisher relativ wenig üben; am liebsten spielte sie zu Play-Along-CDs.


Die Vorstudentin war schon 2007 beim großen Jazzopen-Festival auf dem Pariser Platz als herausragende Solistin des Landesjugendjazzorchesters unter der Leitung von Prof. Konrad aufgefallen. Zuvor hatte sie „Hohes C“, eine Funk- und Jazzband gegründet. Cannonball Adderley war damals ihr Vorbild, den findet sie auch heute noch „ganz toll“. Von den jüngeren Saxophonisten favorisiert sie Kenny Garrett.


Wer ihr das Talent vererbt habe, frage ich sie vor dem Auftritt. Ihr Vater, ein bekannter Fellbacher Journalist, tanze sehr gut, ihre Mutter singe im Kirchenchor, und einer ihrer drei Brüder studiere Schlagzeug. Sie sei daheim als Kind früh gefördert worden und habe mit zwölf die Blockflöte gegen das Altsaxophon eingetauscht. So sei „wie von selbst“ zum Jazz gekommen. Nebenher habe sie noch angefangen, E-Bass zu spielen.


Doch den hat sie heute nicht dabei. Ihr neues Altsaxophon ist im Ständer, daneben ein Tenorsaxophon, das ihr Bernd Konrad für ihr Abschiedskonzert ausgeliehen hat. Fast unbeteiligt steht sie auf der Bühne. Kein Glamour-Girl. Eine Neunzehnjährige in Jeans, schwarzer Bluse, das lange braune Haar tief in die Stirn gekämmt. Doch kaum setzt sie das Saxophon an und bläst die Backen auf, kommt Leben in das Mädchen. Nun schwelgt sie oder sprüht voller Einfälle, spielt mit den Klängen und improvisiert derart flüssig, dass man in der Tat aus dem Staunen nicht herauskommt. Sie hat für ein Mädchen dieses Alters eine unglaubliche musikalische Reife. „Die wird mal bekannter als wir zusammen“, sagt lachend Klaus Graf zu seinem Saxophonkollegen Andi Maile. Die Beiden lassen es sich nicht nehmen, bei mehreren Jazzstandards einzusteigen. Glänzend: Cole Porters „Love For Sale“ aus dem Great American Songbook mit seinen schnell wechselnden Harmonien. Offenbar kennt Kati Brien die Aufnahme des Cannonball Adderley Quintetts (damals mit Miles Davis an der gestopften Trompete) ganz genau. Gitarrist Lorenzo Petrocca mit seinen überschnellen wie gestanzt wirkenden Läufen ist heute ihr Begleiter mit Drummer Patrick Manzecchi aus Konstanz und Jens Loh am Kontrabass. Eine gute Combo, die durch Kati Brien und die beiden prominenten Einsteiger noch an Qualität gewinnt. Zwei eigene Stücke weisen die Fellbacherin auch als beachtliche Komponistin aus: das romantische „Kleine Träumerei“ und die Up-Tempo-Nummer „Runnin’“. Graf und Maile, die beiden erfahrenen Cool Cats am Saxophon, haben beide den Biss - die Jazzer sagen „Attack“ - den Kati sich noch aneignen muss. Die Club-Atmosphäre in der rappelvollen Kiste, darunter zahlreiche junge Leute, wird unterdessen immer heißer, der Applaus immer lauter. Kati Brien spielt weiter beseelt, beschwingt, mit schlankem Ton, und die Menschen in der Stuttgarter Kiste freuen sich. Und die Berliner werden bald über eine junge Schwäbin staunen.

~ Thomas Staiber

Deko Füller
Familienbild