Artikel geschrieben am: 01.01.70

--- (Datei: Gainsbourg Portät)

Serge Gainsbourg
„Die Hässlichkeit hat gegenüber der Schönheit den Vorteil, dass sie länger hält.“ Der dies feststellte, musste es wissen. Serge Gainsbourg, das Genie des französischen Chanson, präsentierte sich als triefäugiger, unrasierter Gitanes-Raucher und Gewohnheitstrinker, als Provokateur, dem nichts heilig war. Als wolle er sich dafür rächen, dass er als Kind wegen seines Äußeren gehänselt wurde, gab er vor, die Menschen zu hassen. Auch die Frauen. Doch die fühlten sich zu dem Misanthropen hingezogen. Nicht irgendwelche Frauen. Die begehrtesten Frauen Frankreichs lockten ihn in ihr weiches Bettchen.
Nach Juliette Gréco, Catherine Deneuve und Françoise Hardy verliebte sich auch Brigitte Bardot Hals über Kopf in den hässlichen Serge. „Es gibt eine Schönheit hinter der Hässlichkeit“, tröstete sie ihren Lover, mit dem sie eine leidenschaftliche amour fou durchlebte. „Über meine horizontalen Fähigkeiten hat sich noch keine beklagt“, antwortete der lapidar und nahm mit dem blonden Superstar und Sexsymbol ein Lied auf, das ihn später weit über die Grenzen Frankreichs hinaus – bis in die Gemäuer des Vatikans hinein - bekannt und berüchtigt machen sollte. Schon der Titel der Nummer verrät einiges über den Autor: „Je t’aime – moi non plus.“ Einer vor Erregung zitternden Lolitastimme, die ein übers andere Mal „ich liebe dich“ flüstert, entgegnet gelassen eine tiefe rauchige Männerstimme: „Ich dich auch nicht.“ Der paradoxe Liebesdialog mündet in ein orgiastisches Stöhnen, das einen wahren Skandal auslöste. Das Lied wurde schnell weltbekannt. Allerdings mit Verzögerung. Denn als die Bardot das Band abhörte, verhinderte sie die Veröffentlichung. Aus Rücksicht auf den deutschen Industriellenerben und Playboy Gunther Sachs, der sie kurz zuvor in Las Vegas geehelicht hatte.
Erst viel später gab sie ihre Einwilligung, das Original auf einem Sampler veröffentlichen zu lassen. Gainsbourg, der Chansons schrieb wie andere Leute Postkarten, wollte den Popp-Song so schnell wie möglich herausbringen und fand in der jungen britischen Schauspielerin Jane Birkin, die geeignete Partnerin. Prompt wurde die Nummer auf den Index vieler Radiostationen gesetzt, der Osservatore Romanao sprach von „beschämender Obszönität“, das Album verkaufte sich kürzester Zeit mehr als eine Million Mal, und der hässliche Gainsbourg war wie gewünscht in aller Munde. Er leistete sich einen weißen Rolls Royce, heiratete seine Jane (eine von vier Ehefrauen) und wurde wieder Vater. Mit Charlotte, der Tochter, nahm er später wieder ein Skandallied auf: Auf „Un zeste de citron“ lässt er sich mit seiner 14-jährigen Charlotte - heute eine hervorragende Schauspielerin - zweideutig über das Thema Inzest aus. Leicht vorherzusehen, dass wieder ein Sturm der Entrüstung losbrach. Doch damit nicht genug. Gainsbourg – inzwischen musikalisch nach klassischen und jazzig angehauchten Chansons wie Le poinçonneur des Lilas oder La Javanaise bei Pop und provokanten Rock-Songs wie SS-Rock, angekommen – traf mit einer Reggae-Version der Nationalhymne konservative Franzosen ins Mark.
Ausgerechnet in Straßburg, wo Rouget de Lisle einst die Marseillaise verfasst hatte, wollte Gainsbourg mit der Jamaika-Band von Bob Marley die Hymne in neuem Gewand präsentieren. Französische Fallschirmjäger im Publikum waren gekommen, um das zu verhindern. Gainsbourg erschien allein auf der Bühne und sang a capella die Marseillaise. Wohl oder übel mussten auch die rechten Soldaten aufstehen und aus vollem Hals mitsingen. Gainsbourg lachte sich ins Fäustchen und erstand auf einer Versteigerung das Originalmanuskript der Nationalhymne. „Ich hätte jeden Preis geboten“, sagte der bramarbasierende Barde, der von Jugendlichen wegen seiner kompromisslosen Haltung und Intellektuellen wegen der geistreichen Texte bis heute wie eine Kultfigur verehrt wird.
Joann Sfar, ein Star der französischen Comic-Szene, hat Gainsbourg seine erste Filmarbeit gewidmet. „Serge Gainsbourg - Der Mann, der die Frauen liebte“ heißt er – in Anspielung auf einen alten Truffaut-Titel. Entstanden ist ein faszinierendes Porträt, das mit einer besonderen filmischen Erzählweise die Züge des hässlichen Genies nachzeichnet. Erstaunlich sind allein schon die Ähnlichkeiten mit den wirklichen Protagonisten im Leben des Serge Gainsbourg, etwa Laetitia Casta als die Bardot. Man erlebt den kleinen Serge, der als Sohn jüdischer Einwanderer in dem von Nazis besetzten Paris gehänselt wird und sich als schlaues Kerlchen entpuppt. Man sieht ihn als Kunststudent in den Jazzkellern im Kreise schwarz gekleideter Existentialisten, man hört seine ersten Chansons, die begeistert aufgenommen werden, sieht die Begegnung mit der kindlichen France Gall, für die er Poupée de cire, poupée de son schreibt, das Lied mit dem sie 1965 den Eurovision Song Contest gewinnt. Der Film zeigt Gainsbourg als vom Alkohol beherrschten Kettenraucher und zynischen Charmeur, dessen Herz den Strapazen des Nachtlebens nicht mehr gewachsen ist. Am 2. März 1991 stirbt Serge Gainsbourg im Alter von 62 Jahren. Brigitte Bardot schrieb nach seinem Tod: „Gainsbourg – das ist das Schlimmste und das Beste, Yin und Yang, Schwarz und Weiß. Der kleine Prinz seiner jüdischen Eltern erträumte sich eine wunderbare Welt, doch als er der rauen Realität begegnete, wurde aus ihm ein Quasimodo, der uns berühren und abstoßen kann. Tief in seinem Inneren jedoch war er fragiles Wesen, das sich nach Wärme und Wahrheit sehnte. Unsere Zeit war für einen wie ihn einfach zu eng.“ Mit unzähligen Franzosen trauerte auch François Mitterand: „Gainsbourg ist ein Rebell, seine Poesie eine Waffe. Er hat das Chanson in den Rang einer Kunst erhoben. Sein Tod erfüllt mich mit Trauer.“ Thomas Staiber




~ Thomas Staiber

Deko Füller
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