Artikel geschrieben am: 21.03.07

Tom Gaebel

Nach den Frauen kommen die Männer. Auf zauberhafte Vokalistinnen wie Norah Jones, Solveig Slettahjell oder Lisa Bassenge folgen nun die Sänger. Swing ist wieder in. Der unvergleichliche Jamie Cullum hat vor kurzem das Theaterhauspublikum elektrisiert, am Montag verdrehte Roger Cicero im Hegelsaal mit seinem witzigen Beziehungsswing den Leuten den Kopf und nun – wieder auf dem Pragsattel – der Auftritt des jungen Tom Gäbel. Sechzig Jahre jünger ist der Sinatra-Nacheiferer aus Gelsenkirchen als sein Idol aus Hoboken, New Jersey.
Wohnen wir, wie PR-Texte suggerieren, etwa einer musikalischen Wiedergeburt bei? Wie kein zweiter Vokalist hat Frank Sinatra die Swing-Ära nach dem 2. Weltkrieg geprägt: Aus nahezu jedem Song, den er interpretierte, machte er einen Hit. That’s Life, Moon River, Lee Roy Brown, und wie sie alle heißen. Sinatra, das Naturtalent, gewann einmal ein Stipendium an der Berklee-Musikhochschule in Boston, hingegangen ist er aber nicht. Gäbel hatte zwölf Jahre Geigenunterricht, sich das Schlagzeugspiel selbst beigebracht, wie er im Konzert charmant vorführt, und in Amsterdam – wie Roger Cicero - Musik studiert (Hauptfach Jazzgesang).
Zweifellos ist der 32-jährige blonde Strahlemann ein Entertainer-Talent, und stimmlich erinnert er in der Tat an die 1998 verstorbene US-Legende. Auch Ausstrahlung ist Gäbel nicht abzusprechen, auch wenn er gern mit erhobenem Zeigefinger singt, seine Baritonstimme klingt warm und klar, er phrasiert sauber und kann mit seiner scharfen Zehnmann-Combo (darunter sein kleiner Bruder Denis am Tenorsaxophon) und stringenten Arrangements das Publikum für sich einnehmen. „Besser als mit der ollen Play-Back-Cassette“, bemerkt er grinsend.
Die Bühnenpräsenz jedoch von Ol’ Blue Eyes bleibt unerreicht und – sorry - wohl unerreichbar. Ein Riesenschatten fällt auf den, der versucht, in solche Fußstapfen zu treten. Dabei, das wissen etwa auch die besseren Elvis-Imitatoren, kann man daraus durchaus Kapital schlagen. Gäbel, begeisterter Computer-Zocker und Ego-Shooter, eilt von TV-Total zu einer Gala, er singt „Für Sie“, bringt eine CD nach der anderen heraus, tourt und hat zuletzt den Jazz-Award von Edel-Records gewonnen.
Auf der Erfolgstreppe tut er alles, um nach oben zu kommen. Besser als seine eigenen Kompositionen funktionieren im Konzert die altbekannten Swing-Hits, die er humorvoll ansagt und gut interpretiert. Als Frontmann der Combo „Young Sinatras“ hat er vor Jahren gespürt, dass er ein eigenes Profil finden müsste. Aber die Leute wollen ihn als deutschen Sinatra, und so klingt er bei den jüngsten Aufnahmen („Good Life“) wieder fast wie Good Old Frankie Boy. Aber eben nur fast. Epigonenschicksal. Thomas Staiber
 

~ Thomas Staiber

Deko Füller
Familienbild