Artikel geschrieben am: 11.02.01
Jan Peter Tripp hat Kurt Weidmann so porträtiert: Ein älterer weiß gekleideter Mann hockt neben einer Jukebox und hält einen aufgeklappten Meterstab in den Händen. Sein scharfer spöttischer Blick ist direkt auf den Betrachter gerichtet. Was will Weidemann vermessen? Bilderrahmen, womöglich einen Sarg?
Der Titel seines jüngsten bei Hatje Cantz erschienen Buches, aus dem er in der ausverkauften „Rosenau“ liest, gibt Aufschluss: „Worte – auf die Waage gelegt - auf die Schippe genommen“.
Der gelernte Schriftsetzer und Graphikprofessor Kurt Weidemann nimmt also das Wort beim Wort. Wie ein Wortgeometer misst er Sätze, wie ein Wortapotheker bestimmt er das Gewicht ihrer Aussagen, wie ein Wortfechter stößt er zu, um mit schnellem Stoß in eine Blöße zu stechen. Vor seiner Ironie ist keiner sicher, der sich auf öffentliches Parkett begibt. Politiker mit hohlem Wortgeklingel, Bürokraten mit staubtrockenen Satzungetümen und Schwätzer mit Verbaldiarrhö nimmt der Sprüchesammler und Sprachwächter gerne ins Visier. Das ist zum Stirne Runzeln und zum Lachen. Von der „Verflüchtigung der Gedanken beim Sprechen“ ist da, in Abwandlung von Kleist, die Rede, von „Sprachmetastasen wie Nullwachstum. Weidemann, der Anwalt des Wortes, bringt mit spöttischem Lächeln und hanseatisch präziser Diktion die Begriffe auf den Punkt. Das Publikum applaudiert.
Wolfgang Dauner, auch er nun im Rentenalter, beflügelt mit funkelnden Jazz-Pretiosen den verschmitzten Vorleser beim Vortragen seiner Apercus und Aphorismen. Aber Dauner begleitet ihn nicht, er ist kein Untermaler, seine Kompositionen stehen für sich. Die Skalen von „Steps of M.C. Escher“ etwa durchkreuzen wie akustische Entsprechungen optischer Täuschungen den Klangraum. Treppauf, treppab führt einen der Tastenkünstler durch sein Klanggebäude. „Drachenburg“, das Refugium von Wolfgang und Randi am Bodensee, ist eine musikalische Liebeserklärung, die mit den Jahren nicht keineswegs blasser wird.. Der junge Wilde von einst hat sich zu einem modernen Klassiker geläutert, zu einem Jazz-Pianisten, der aus seiner Neigung für die Harmonik und die Formstrukturen der Impressionisten (Débussy, Ravel, Skrjabin) keinen Hehl macht. Nach dem Hervorheben der Widerstände betont er heute das Fließen des musikalischen Materials. Voller Gegenläufigkeiten, Beschleunigungen zwar, aber immer ist es ein Strömen, das zum Schluss der Improvisation mit großem Gestus auftrumpft oder leise wie ein Wadi versickert. Beifall brandet immer auf. Stuttgarts Jazzfreunde können aufatmen: nach seiner Krise, dem „Schuss vor den Bug“, hat Dauner wieder alles im Griff.
P.S. Nächsten Sonntag wird die Veranstaltung wegen des großen Publikumsinteresses wiederholt.
~ Thomas Staiber
Neuster Artikel: