Artikel geschrieben am: 01.01.70
--- (Datei: Es rappelt in der Kiste)
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250. Konzert der Band In The Box, Rogers Kiste, 27. 09.04
Es rappelt in der Kiste
Drei Tage, bevor Atze Gericke den Jazzclub in der Hauptstätterstraße 35 geräumt und an Fred Richter abgibt, spielte die Band In The Box zum 250. und letzten Mal unter den alten Bedingungen. Denn schon den Namen „Rogers Kiste“, der auf Uli Röger, Gerickes „Freund und Mentor“ zurückgeht, soll es, wie man hört, an dieser Stelle „aus patentrechtlichen Gründen“ nicht mehr geben.
Ein ungewohnter Hauch von Abschied, von Wehmut lag über der Kiste. Eine Ära geht zu Ende. Die Musiker reagieren unterschiedlich. Pessimistisch die einen, die schon das Sterbeglöcklein des hiesigen Jazz zu hören vermeinen, zuversichtlich andere, die von der Zählebigkeit Totgesagter überzeugt sind. Gebraucht haben sie Rogers Kiste alle: Als Ort, an dem man Freunde trifft, als Jazzlabor, in dem Neues probiert wird, als Bühne, auf der man sich ohne Zwänge austoben, frei spielen, also sich als improvisierender Musiker verwirklichen und bestätigen kann. Nicht von sterilen Studiowänden umgeben, sondern von einem gut gelaunten und fachkundigen Publikum in einer oft heißen Clubatmosphäre angespornt und bejubelt.
Nicht zu vergessen die Studenten der Musikhochschule, denen in der Kiste eine erste öffentliche Auftrittsmöglichkeit geboten wurde. Kein Wunder, dass Prof. Werner Heinrichs, der Direktor der Hochschule, das zu schätzen wusste und einem schlüssigen Konzept in der Zukunft seine Unterstützung wohl nicht versagen wird.
Manche haben befürchtet, dass sich die negative Reibungsenergie, die im Verlauf der Übergabe des Clubs entstanden ist, auf die ganze Stuttgarter Jazzszene übertragen könnten. Vertreter der IG Jazz, der Jazz Society und von Jazz com haben sich – wo sonst als in der Kiste – zusammengesetzt, um genau das zu verhindern. Man wünschte sich, dass die Chance, die in solch einer Krise steckt, von den zuständigen Politikern ergriffen wird, um die Bedeutung Stuttgarts als renommierte Jazzstadt nicht auf’s Spiel zu setzen. Denn um nicht weniger geht es. Eine Großstadt ohne Jazz-Live-Club, wie es Rogers Kiste jahrzehntelang war, ist schlecht vorstellbar. Nun wäre es – warum nicht für den Oberbürgermeister? -an der Zeit, eine vernünftige Jazzinitiative zu starten. (Im Übrigen würde dem Jazz ein Bruchteil der Subventionen, mit denen die E-Musik gefördert wird, als Überlebenshilfe genügen. Ohne damit die Fördermittel der Neuen Musik gegen den modernen Jazz ausspielen zu wollen, zumal sich beide in letzter Zeit immer mehr auf einander zu bewegen.)
War es da ein Zufall, dass die Band In The Box „The Healer“ spielte? Als Klaus Graf am Alt- und Libor Sima am Tenorsaxophon zu ihren dynamischen Höhenflügen ansetzten, war jedenfalls die wehmütige Abschiedsstimmung wie weggeblasen. Ein kraftvoller Groove (Obi Jenne, Schlagzeug, und Mini Schulz, Kontrabass), durchblendet von Martin Schracks wohl gesetzten Klavierakkorden, füllte den Klangraum der rappelvollen Kiste und zeugte noch einmal von der triumphalen Stärke des Jazz und der hohen Kompetenz Stuttgarter Musiker. Fast trotzig brandete Beifall auf, als die Nummer zu Ende war und die eigens für diesen Abend von Libor Sima komponierte Bossa Nova „Tune for Atze“ den Set schwebend leicht ausklingen ließ. Thomas Staiber
~ Thomas Staiber