Artikel geschrieben am: 11.11.00

Brad Mehldau Trio / Bill Frisell Trio

Ein spannender Vorgang: einer jazzt sich ruckzuck in die Weltelite hoch. Brad Mehldau (1997 „Best New Artist“, 1998 mit „Songs“ das beste Jazz-Album des Jahres, 1999 „Jazz Pianist of the Year“) tourt schon wie selbstverständlich mit den Größten des heutigen Jazz.

Bei der Jazz Night Nr. 6, die wieder im nicht nur bei den Künstlern so beliebten, aber leider nicht vollen Beethoven-Saal über die Bühne ging, wurden von Promoter Jahnke zwei Weltklasse-Trios präsentiert: der formvollendete Jazzästhet Brad Mehldau aus Los Angeles und der ganz und gar unverwechselbare Avantgarde-Gitarrist Bill Frisell aus Seattle mit seiner polarisierenden Vorliebe für Country-Grooves.

Spielend widerlegt Mehldau das Vorurteil vom tumben Ami. Goethe, Nietzsche und Benjamin markieren den geistigen Horizont dieses jungen Pianisten. Bach, Brahms, Chopin und Débussy haben ihn musikalisch geprägt. Doch daheim fühlt er sich im Milieu des modernen Jazz: Brüche und Eleganz, Widersprüche und Stringenz – diese Paradoxa sind für ihn da am besten aufgehoben. Mehldaus klassisches Jazztrio mit Larry Grenadier (Kontrabass) und Jorge Rossy (Drums) muss heute schon als die Antwort auf Keith Jarrett, Gary Peacock und Jack DeJohnette gewertet werden.

Virtuosität, höchste Anschlagkultur, Ideendichte, Spontaneität und Formwille, bestes Timing, Rhythmussicherheit und Gespür für gelungene Konzertarchitektur dürfen auf diesem Niveau vorausgesetzt werden. Doch Brad Mehldau hat mehr: er triumphiert nicht mit den ihm zu Gebote stehenden technischen Mitteln, er zeigt sich vulnerabel, sucht die Gefahr musikalischer Grenzsituationen, liefert sich aus. Aber trotz des hohen intellektuellen Anspruchs will er berühren, nicht Eindruck schinden. Er betont die tänzerischen Momente der Musik. Seine Nachdenklichkeit und Spielfreude teilen sich unmittelbar mit, besonders schön bei „Alone Together“ oder „Cry Me a River“, aber auch bei seinen Eigenkompositionen. Nur allzu gern lässt man sich auf dieses Hörabenteuer ein und folgt Mehldaus musikalischen Pfaden. Die führen ins Freie und tief nach innen. Unerhört, wie da europäische Musiktradition und nordamerikanische Jazzkultur zusammengeführt werden! Viel zu schnell kam da die Zugabe („Exit Music for a Film“ von Radiohead)! Hoffentlich bleibt uns dieser Jazzkomet, der auch im wirklichen Leben bereit ist, riskante Grenzen zu überschreiten, lange erhalten!

Für das Gros der zahlreichen Jazzgitarristen bleibt es beim Wunsch, eine eigene, sofort erkennbare Stimme zu entwickeln. Bill Frisell wird von jedem erkannt. Wie er Akkorde aufbricht, nur wenige Töne spielt, sie in der Schwebe lässt, ihnen nachlauscht, bis sie verklingen, schmelzend wie weicher Karamell: das kann nur er.

Naserümpfend wenden sich trotzdem gewisse Puristen von ihm ab, denn er hat einen Makel: Der Avantgardist Frisell steht auf Country! Man mag seine Tunes als Free Country oder Ambient Jazz etikettieren; wir schließen die Augen, lächeln ein bisschen und lassen uns treiben von diesen flaumweich schwebenden, flageolettreichen elektrischen und akustischen Saitenklängen. Down the Country Road, dorthin wo keine dumpfbäckigen Westmänner auf Schenkel klatschen, Marloboro-Cowboys scheinbar wilde Pferde zähmen.

Der Stuttgarter Gitarrist Boris Krischkat hat vor dem Konzert erklärt, Kitsch beginne dort, wo Glaubwürdigkeit aufhört. Bill Frisell zählt gewiss zu den aufrichtigsten Jazzern, und er schämt sich nicht, mit Tony Scherr (Kontrabass, akustische Gitarre) und Schlagzeuger Kenny Wollesen einfach schön zu spielen. Marvin Gayes „What’s Goin‘ On“ etwa oder – quasi als Konzerttitel – John McLaughlins „Follow Your Heart“.

~ Thomas Staiber

Deko Füller
Familienbild