Artikel geschrieben am: 01.01.70
--- (Datei: Enders 10 2007)
---
Johannes Enders Quartett, Bix, 5.10.07
Wie in Watte gepackt verhallen die gedämpften Klänge, die Oliver Kent aus Wien am Flügel anschlägt. Durch den vollen warmen Holzton des Kontrabasses (Christian Diener) und das knackige Schlagzeug (Howard Curtis) erhalten sie einen festen Rahmen. Doch erst als Johannes Enders mit seinem Tenorsaxophon einsteigt, entsteht ein faszinierendes Klangbild. „Sand Picture“ heißt die ruhig und gelassen verlaufende Originalkomposition, die der Geometrie von Dünenspuren in einer Wüste nachempfunden sein könnte. Doch das Quartett verliert sich nicht in melancholischer Introspektion; da agieren vier Musiker auf der Bühne dieses stimmungsvollen Clubs mit der hervorragenden Akustik, Männer, die im Leben stehen. Widerstände enthält ihr Jazz, Gegenläufigkeiten, Hartes und Sperriges, aber auch feinste Nuancen, weiche Empfindsamkeit und verträumte Melodienseligkeit. Wenn der Bandleader einen Chorus spielt, wird sonnenklar, weshalb er ein preisgekrönter Holzbläser ist: Aussagekraft, Ideendichte und Feingefühl für musikalische Abläufe zeichnen Johannes Enders aus. Sei es bei einer Up-Tempo-Nummer von Coltrane, die Erinnerungen fortspült, die sich bei der wunderbaren Ballade „Peace“ von Horace Silver eingestellt hatten, als habe man noch einmal einen Liebesbrief gelesen.
In unserer Region gibt es ausgezeichnete Saxophonisten – Ekkehard Rössle, Klaus Graf, Andy Maile, Jochen Feucht oder Martin Keller, um nur ein paar zu nennen. Doch einer der vielseitigsten deutschen Holzbläser ist bestimmt Johannes Enders aus Weilheim, der bayerischen Indie-Hochburg. Von einem Kritiker wurde er als „Schnittstellenmusiker“ bezeichnet. Was ihn jedoch einmalig macht, ist Enders Saxophonstimme. Wie weiche Rauchzeichen steigen seine Klänge in den Raum. Enders ist eben nicht einer der zahlreichen Michael-Brecker-Epigonen, die mit scharf geschliffenem, hart konturiertem Ton zu Werke gehen. Er spielt eher in der Nachfolge von Joe Henderson: zärtlich, kraftvoll, zu Herzen gehend. Nachdem er in vielen Projekten mit elektronisch erzeugter Musik mitgewirkt hat, findet Johannes Enders in seinem akustischen Quartett zur Unmittelbarkeit von gefühlsbetonten, durchdachten und ausgewogenen Improvisationen zurück.
Thomas Staiber
~ Thomas Staiber