Artikel geschrieben am: 01.01.70

--- (Datei: e.s.t. leucocyte mat.)

http://www.actmusic.com/product_info.php?products_id=257&show=3 (Photos zum Album)

Der schwedische Pianist Esbjörn Svensson ist tot. Er starb bei einem Tauchunfall in Stockholm.

Er war der Erneuerer des Jazz, brachte das Genre mit Pop- und Romantik-Einflüssen zusammen, erreichte wieder junges Publikum. Zum Erscheinen des vorletzten Albums „Viaticum“ im Jahr 2005 wurde das folgende Interview geführt. Lesen Sie hier den Nachruf auf Esbjörn Svensson
*
WELT ONLINE: Ihnen wird immer der Satz zugeschrieben „Wir sind eine Popband, die Jazz spielt.“ Haben Sie das je genau so gesagt?
Esbjörn Svensson: Ich glaube schon. Aber ich hatte etwas ganz Bestimmtes im Sinn. Es gibt viele gute Jazzmusiker, aber kaum gute Jazzbands. Also echte Bands, die wirklich zusammen spielen. Die Jazzer spielen mit jedem, man kann einen Saxofonisten mal in dieser Band hören, mal in jener. In der Popwelt arbeiten die Leute viel mehr als Band zusammen und entwickeln sich. Genau diese Beständigkeit führen wir auch weiter. Nur unser Konzept ist anders. Wir spielen weder reinen Jazz noch Pop oder Rock.
WELT ONLINE: Sondern etwas ganz anderes?
Svensson: Genau. Ich weiß keinen Namen dafür. Wir haben Elemente aus Drum and Bass, aus Rock 'n’ Roll, aus klassischer Musik, viel Improvisation, vielleicht auch Elemente aus dem Jazz. Aber das beschreibt die Musik nicht. Bitte hört es Euch an, sage ich immer, erklären würde es nur zerstören.
WELT ONLINE: Gibt es keine Jazzpianisten denen Sie sich nahe fühlen?
Svensson: Das ist eine andere Sache. Ich verehre viele, Herbie Hancock etwa. Mein Vater spielte immer Teddy Wilson, Art Tatum, oder Oscar Peterson, das hat mich umgehauen, Keith Jarrett auch, Chick Corea, Thelonious Monk – die sind alle eine Welt für sich.
WELT ONLINE: Auch Keith Jarrett tritt meist mit einem Trio auf. Dort wird aber nicht sehr viel experimentiert ...
Svensson: Er war einer meiner Lieblingspianisten, aber ich interessiere mich eigentlich nur für das, was er Ende der Sechziger und Anfang der Siebziger gemacht hat, mit Charlie Haden und Paul Motian. Ich war nie ein echter Fan des neuen Trios mit Jack DeJohnette und Gary Peacock. Die sind großartig, aber das ist mir zu sauber. Das alte Trio macht mich wirklich an.
WELT ONLINE: Sie haben den Jazz für neue Hörer geöffnet. Wie haben sie das geschafft?
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Svensson: Man kann durch die Jazzclubs tingeln, bekommt dann aber immer nur das gleiche Publikum. Statt zu versuchen, alle normalen Leute auch in die Jazzclubs zu bekommen, gingen wir los, um die normalen Leute zu sehen. Deswegen spielen wir in Konzerthallen, in Rockclubs, in Kirchen, überall, wo man Leute trifft. Die mögen unsere Musik, wollen uns hören, aber sie wollen nicht in Jazzclubs gehen. WELT ONLINE: Wer kommt denn inzwischen? Svensson: Jazzfans, junge Leute, Menschen die gute Musik suchen. Rock’n’roll-Freaks, Klassikleute, alles. WELT ONLINE: Wie erklären Sie sich das, bei so komplexer Musik? Svensson: Wir machen teils Freejazz und zugleich könnten wir eine Popgruppe sein. Ich kann es nicht erklären. Es ist kein sehr intellektueller Prozess, sondern kommt von Herzen. Wir spielen sehr emotional. Ich kann hinterher Abschnitte in jedem Stück zeigen und sagen, warum wir was wann gemacht haben. Aber als wir es spielten, ist es einfach passiert. Wenn Sie ihrem Herz folgen, führen andere Dinge als der Intellekt sie, und das ist besser.
WELT ONLINE: Was glauben Sie, warum die Skandinavier so gut sind im Jazz?
Svensson: Ich glaube Ihr Land Deutschland steht sehr dahiner. Die Plattenfirma ECM aus München hat sich sehr auf Norwegen konzentriert und ACT hat nun mindestens sechs Künstler aus Schweden herausgebracht. Das hilft.
WELT ONLINE: Man denkt manchmal, der aktuell interessanteste und beste Jazz kommt nicht mehr aus den USA, sondern aus irgendwelchen Konzerthallen und Bars in Stockholm oder Oslo.
Svensson: Ja! Dort passieren viele interessante Dinge. Es gab auch wirklich einen Club in Stockholm, den „Spisen“, das heißt Ofen. Da haben wir jeden Donnerstag gespielt und viel dazugelernt.
WELT ONLINE: Sie benutzen Effekte oder Verzerrer, aber keine Computer wie viele neue Elektro-Jazzer. Warum?
Svensson: Wir sind puristisch. Das haben wir so gewählt. Diese Art Musik zu machen finden wir viel aufregender. Natürlich kann man mit Laptops und Synthesizern tolle Sachen machen, ich tu das auch, ich hab so viele Synthesizer. Aber nicht mit dem Trio. Nur die Effekte, auch am Klavier. Ich kann es verzerren, ich habe einen Kompressor dann, eine Note kann wie eine Glocke klingen.
WELT ONLINE: Ihre Songs erzählen musikalische Geschichten, die Titel sind seltsam poetisch, wie kommen sie darauf?
Svensson: Wir wollen sehr offene Titel, die man kaum konkret interpretieren kann. Aber wir haben Ideen dazu. Viaticum etwa ist ein alter Ausdruck für Reiseproviant. Es hat auch eine religiöse Bedeutung und meint das Letzte Abendmahl. Für uns muss es nicht religiös sein, denn alle Menschen sind immer auf der Reise. Dieses Album ist unser Viaticum für jeden, der eines braucht. Vielleicht kann es helfen auf der Reise durchs Leben.
WELT ONLINE: Sie haben auch ein Album mit der Sängerin Viktoria Tolstoy aufgenommen.
Svensson: Ja?
WELT ONLINE: Also die Songs sind von Ihnen.
Svensson: Ja.
WELT ONLINE: Manche sagen, sie seien auch der dort als Bror Falk verzeichnete Pianist.
Svensson: Ja?
WELT ONLINE: Stimmt das?
Svensson: (Lacht) Darf ich das beantworten?
WELT ONLINE: Ich glaube sie haben das schon mal irgendwo zugegeben. Warum haben Sie diesen Künstlernamen gewählt?
Svensson: Das war ein bisschen doof. Jedenfalls war es aus kommerziellen Gründen. Ich möchte mich auf das Trio konzentrieren. Wenn mein Name irgendwo auftaucht, soll das in Verbindung mit dem Trio sein. Am Ende wird sonst das Album wegen meines Namens verkauft und nicht wegen Viktorias Namen. Deswegen wurde ich Bror Falk. Jetzt ist Viktoria ja bekannter, da ist es sowieso kein großes Problem mehr, aber ich wollte nichts riskieren.
WELT ONLINE: Wird man also Bror Falk mal wieder treffen?
Svensson: Vielleicht. Könnte aber auch ein anderer Name sein.
WELT ONLINE: Wenn über sie geschrieben wird, kommen oft Skandinavienklischees zum Vorschein. Etwa: Diese langen Winter, da kann man nur zu Hause bleiben und ein großer Musiker werden. Nervt Sie das?
Svensson: (Lacht.) Nein. Ich finde das lustig. Wenn wir wirklich lange Winter hätten, würde ich rausgehen und Skilaufen. Aber der beste Skiläufer ist doch ein Deutscher gerade, im Langlauf. Ich übe halt viel, ich liebe das. Aber ich gehe auch gern aus.
WELT ONLINE: Gehen Sie unterwegs lieber in einen Bebop-Jazzclub oder in eine Disco?
Svensson: Ich würde eher schön Essen gehen und dann in ein klassisches Konzert gehen. Wenn eine sehr gute Band da ist, Radiohead oder Wilco, oder ein Jazzer, den ich hören will, gehe ich gezielt hin.
WELT ONLINE: Mögen Sie Mendelssohn? Ihre Musik klingt manchmal nach den „Liedern ohne Worte“.
Svensson: Das muss der Song „unstable table“ sein, dieses du de dip (spielt auf dem Tisch), dann dieses ding ding, tsch-ke-de-dung, tsch-ke-de-dung. Ja, ich kann das nicht verbergen, ich liebe klassische Musik.
WELT ONLINE: Ihr Kollege Bugge Wesseltoft sagte mal, er habe die Clubmusik in den Jazz holen wollen wegen der Energie, die es nur da gab. Suchen Sie auch nach der Energie?
Svensson: Unbedingt. Die Energie ist wohl das wichtigste in Musik. Ohne Energie ist alles nichts. In diesem Punkt sind wir von E.S.T. ähnlich, wir haben irgendwann entdeckt, wenn wir drei zusammen spielen, haben wir die Energie einer Rockband. Das wollen wir musikalisch nutzen.
WELT ONLINE: Mit wem möchten Sie noch zusammen spielen?
Schlagworte
Jazz Esbörn Svensson E.S.T. Keith Jarrett Pianist Tauchunfall
Svensson: Mit den beiden aus Keith Jarretts erstem amerikanischen Trio, Charlie Haden und Paul Motian. Das wäre schön, irgendwann. Und natürlich möchte ich, jetzt mal ein ganz anderer Stil, mit Chaka Khan spielen. Wunderbare Sängerin. Mich interessiert auch Björk. Da würde sogar das Trio-Konzept passen. Chaka Khan ist dagegen traditioneller.
*
Das Handy piept, Esbjörn Svensson zieht es aus der Tasche und verkündet stolz den Inhalt der Nachricht: Seine Frau hat Overalls für seine beiden Söhne gekauft. Damit verabschiedet er sich.
Die Musik des Esbjörn Svensson Trios E.S.T. erscheint bei ACT


Esbjörn Svensson tödlich verunglückt Der schwedische Pianist und Komponist Esbjörn Svensson ist am 14. Juni bei einem Tauchunfall gestorben. Er wurde nur 43 Jahre alt. Unsere Gedanken gelten voller Anteilnahme seiner Frau, seinen Kindern, seinem Manager und engen Freund Burkhard Hopper und seinen langjährigen musikalischen Begleitern Dan Berglund und Magnus Öström. Esbjörn Svensson war einer der einflussreichsten Jazzmusiker der jüngsten Vergangenheit. Seine Band e.s.t. revolutionierte noch einmal das Klaviertrio, die klassischste aller Besetzungen im Jazz, und war zuletzt das erfolgreichste Jazzensemble Europas und darüber hinaus. Berühmt wurde e.s.t. für seine innovative Verbindung von Jazz mit Elementen des modernen Rock wie der klassischen Musik. Charakteristisch waren die prägnanten, meist nordisch klingenden Melodielinien, die mit exzessiver Dynamik einen unwiderstehlichen Sog entwickelten. Auch deshalb strömte weltweit nicht nur das zumeist ältere, sondern auch ein junges Pop-Publikum in die Konzerte von e.s.t. Ihre Alben stürmten regelmäßig die Jazz- wie auch die Pop-Charts und wurden vielfach preisgekrönt. Der unverwechselbare Sound inspirierte zahlreiche Bands in aller Welt. e.s.t. beendeten soeben die Arbeit am zwölften gemeinsamen und nun letzten Album ›Leucocyte‹. Esbjörn Svensson wurde am 16. April 1964 im schwedischen Västeras geboren. Seine Mutter spielte klassisches Klavier, sein Vater liebte Ellington, und Svensson selbst hörte die aktuellen Pop-Hits im Radio. Auf dem Gymnasium schloss er sich den ersten Bands an, während er gleichzeitig drei Jahre lang Klavierunterricht nahm. Danach studierte er vier Jahre Musik an der Universität Stockholm, wobei er sich die nötigen technischen Fähigkeiten aneignete, um seine intuitiven, autodidaktischen musikalischen Konzepte zu artikulieren. So konnte Svenssons sorgloser, jugendlicher Überschwang zu kreativem Selbstbewusstsein reifen. 1993 gründete Svensson e.s.t. gemeinsam mit seinem Jugendfreund Magnus Öström und dem Bassisten Dan Berglund. Fortan konzentrierte er sich ganz auf die Arbeit mit diesem Trio. Unermüdlich schrieb er neue Kompositionen und tourte mit Öström und Berglund durch die ganze Welt. Seine Musik vereinte drei Generationen. Es ist in unserer Zeit ganz selten möglich, dass bei einem Jazzkonzert der Großvater neben dem Enkel steht und beide Generationen total begeistert sind. Ein Musterbeispiel für die extreme Live-Qualität der Gruppe ist die Aufnahme 'Live in Hamburg' die am 22.11.06 in der Laeiszhalle in Hamburg aufgenommen wurde. Für mich wird auch immer sein Auftritt bei der grandiosen Feier zu meinem 70. Geburtstag im Schauspielhaus unvergessen bleiben; e.s.t. spielte dort mit Paul Weller, Nils Landgren und Till Brönner. Wir trauern um einen großen Künstler, wunderbaren Menschen und guten Freund. Karsten Jahnke

Von Tobias Schmitz Der schwedische Jazz-Pianist und Komponist Esbjörn Svensson ist tot. Der Mitbegründer des einflussreichen Jazz-Trios e.s.t. starb am Samstag im Alter von 44 Jahren bei einem Tauchunfall im Stockholmer Schärengarten. Es kann nicht sein. Er kann nicht einfach weg sein. Nicht er, der sich auf der Bühne immer so vital in seine Musik hineinkämpfte, nicht er, der immer so wirkte, als könne nichts und niemand seine Energie stoppen. Esbjörn Svensson war eine der prägendsten Persönlichkeiten des modernen Jazz und beeinflusste eine ganze Generation von Musikern. Mit seinen musikalischen Begleitern Dan Berglund (Bass) und Magnus Öström (Schlagzeug) hatte der Pianist 1993 das Esbjörn Svensson Trio gegründet. Die Buchstaben "e.s.t." standen in den vergangenen 15 Jahren für innovative Kraft und lustvolles Spiel mit den musikalischen Genres. Wenn sich e.s.t. live auf der Bühne austobte, wenn Svensson seine Mitspieler zu immer neuen exstatischen Steigerungen trieb, dann stockte den Zuhörern vor Erstaunen der Atem. War das noch Jazz? Oder spielte sich hier eine Rockband in einen Rausch?
 
So wie Esbjörn Svensson auftrat, breitschultrig, mit fast kahl rasiertem Kopf, in Cargohose und Sweatshirt, hätten seine Konzerte auch gut auf Popfestivals gepasst. Genau das machte seine Musik ja aus: Ein Stück von e.s.t. konnte als Popsong beginnen, sich zu einer Art Rockhymne steigern, um sich dann in eine scheinbar uferlose Jazzorgie zu steigern und schließlich als klassischer Choral auszuklingen. So führte Svensson mühelos Menschen zum Jazz, die jene Gattung sonst nie kennengelernt hätten.
Vater liebte Duke Ellington
Geboren am 16. April 1964 im schwedischen Västeras wuchs Esbjörn Svensson als Kind musikalischer Eltern auf. Seine Mutter spielte Klavier, sein Vater liebte Duke Ellington. Auf dem Gymnasium schloss sich Svensson verschiedenen Bands an und nahm Klavierunterricht. Später studierte er vier Jahre lang Musik an der Universität Stockholm und spielte in verschiedenen Jazz-Formationen, ehe er 1993 mit seinem Jugendfreund Magnus Öström und dem Bassisten Dan Berglund sein eigenes Trio e.s.t. gründete. Der internationale Durchbruch außerhalb Skandinaviens gelang ihm mit dem 1999 erschienenen Album "From Gargarin's Point of View". Durch ausgedehnte Konzert-Tourneen und weitere exzellente Alben wie "Good Morning Susie Soho" (2000) , "Strange Place For Snow" (2002) oder "Viaticum" (2005) wurde e.s.t. zum einflussreichsten Vertreter des skandinavischen Jazz. Die Experimentierfreude des Trios, das mit elektronischen Klängen, Effekten und Verfremdungen die homogene Basis aus Klavier, Schlagzeug und Bass umspielte, wurde mit zahlreichen Musikpreisen ausgezeichnet. Als erste europäische Jazz-Band überhaupt schaffte es e.s.t. 2006 auf die Titelseite des berühmten amerikanischen Jazz-Magazins "Downbeat“"
Unfallhergang nebulös
Am Samstag des 14. Junis ging Esbjörn Svensson mit seinem 15 Jahre alten Sohn Ruben im Stockholmer Schärengarten tauchen. Was genau passierte, ist noch unklar. Angeblich wurde Svensson von anderen Tauchern schwer verletzt am Grund liegend gefunden und konnte nach der Rettung an Land nicht wieder reanimiert werden. Svensson war nach Angaben seiner Plattenfirma ACT nicht besonders tief getaucht. Eigentlich hätte im September das zwölfte e.s.t.-Album "Leucocyte" erscheinen sollen. Die Veröffentlichung wurde vorläufig gestoppt. Unvorstellbar, in den nächsten Monaten diese wunderbar lebendige Musik zu hören. Und zu wissen: Esbjörn Svensson lebt nicht mehr.
 
  
  
Artikel vom 16. Juni 2008


Jazz für morgen
Von Maxi Sickert | © ZEIT online  18.6.2008 - 05:56 Uhr
Schlagworte:
Esbjörn Svensson
Pianist
Jazz
Musik
Im Frühjahr 2008 wurde Esbjörn Svenssons Klangästhetik mit dem German Jazz Award ausgezeichnet. Nun ist der Pianist 44-jährig in Stockholm gestorben. Eine Würdigung

Esbjörn Svensson wurde am 16. April 1964 im schwedischen Västerås geboren und starb am 14. Juni 2008 bei Stockholm
© Jörg Grosse-Geldermann
Erst im vergangenen Winter während einer Australienreise hatte Esbjörn Svensson seine Leidenschaft für das Tauchen entdeckt, für das Klang- und Körpergefühl unter Wasser, das Tönen der Innenräume, die Schwerelosigkeit und den Druck der Tiefe. Die Farben, die weiche Kühle des Stroms. Vielleicht hätte er das Betreten des Unerforschten noch in Musik umgesetzt, Svensson, der meditativ Konzentrierte, der jeden Morgen Yoga übte.
AUDIO

Seinem 13-jährigen Sohn Ruben wollte er am 14. Juni 2008 diese Welt zeigen, in Vrmdö, zwischen den Schären vor Stockholm. Esbjörn Svensson verunglückte und konnte, obwohl ein Tauchlehrer anwesend war, nur noch bewusstlos geborgen werden. Nach fünf Stunden erfolgloser Wiederbelebung wurde er für tot erklärt. Er war gerade 44 Jahre und einer der bedeutendsten und innovativsten Pianisten im Jazz. Die Polizei arbeitet an der Aufklärung des Unfalls.
Siegfried Loch, der Inhaber von Svenssons langjähriger Plattenfirma ACT, steht unter Schock. Am Sonntag flog er von Berlin nach München, um sich dort mit Svenssons Manager Burkhard Hopper zu treffen. Loch hatte Svensson 1994 kennengelernt, als dieser noch Pianist in der Band des schwedischen Posaunisten Nils Landgren war. Seit 1998 hat er ihn und sein Pianotrio e.s.t. betreut. Siegfried Loch sagt, Esbjörn Svensson habe „den Begriff Jazz neu definiert und dieser Musik ein ganz neues, junges Publikum erschlossen“. Auch Nils Landgren, der neue Leiter des Berliner Jazzfests, ist schockiert: „Die Gruppe e.s.t. ist mit Esbjörn Svensson gestorben. Sein Tod ist eine Katastrophe für seine Familie und seine Freunde, aber auch für die Musik. Denn er war auf dem Weg zu etwas ganz Phantastischem. Er konnte alle Genres aufbrechen, seine Musik ging über den Jazz hinaus. Er war ein absolut einmaliger Pianist, Musiker und Mensch. Sobald der Tag seines Begräbnisses bekannt ist, werden Musiker und Freunde aus der ganzen Welt kommen, um ihn zu ehren.“
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Das e.s.t. spielte seine perkussiv atmende, sich weiträumig entwickelnde Musik in ausverkauften Hallen. Und 2006 war das Trio die erste europäische Jazzband auf dem Titel der amerikanischen Fachzeitschrift Downbeat . Diese Anerkennung war ein erstaunlicher Paradigmenwechsel, der die Musik erstmals über nationale Zugehörigkeiten stellte und die Identität des Jazz neu hinterfragte. In den vergangenen Jahren hat Esbjörn Svensson Amerika erobert, als Botschafter des skandinavischen und europäischen Jazz und der musikalischen Entwicklung. Ganz ohne folkloristische Elemente.
Svensson hat immer wieder betont, wie wichtig ihm die amerikanische Jazztradition sei. Das ist besonders in seinen frühen Aufnahmen zu hören, wie der 1996 veröffentlichten Hommage Esbjörn Svensson Trio Plays Monk . Er habe sich aber von seinen Vorbildern gelöst und sehe sie nun auf Augenhöhe. Zwei der schönsten Aufnahmen des e.s.t. sind das gefeierte Good Morning Susie Soho von 2000 und das zwei Jahre später erschienene Strange Place For Snow .
Ein großer Bewunderer Svenssons ist auch Ethan Iverson, der Pianist des amerikanischen Jazztrios The Bad Plus. Auf seiner Website ehrt er den Schweden vor allem für seinen respektvollen Umgang mit Klang, für seine „sonische Treue“. Svensson habe die klangliche Umsetzung seiner Musik niemals dem Zufall überlassen. Sein Tontechniker Ake Linton war ihm ein „viertes Mitglied des Trios“. Er nennt Svensson seine Leitfigur.
Esbjörn Svensson hatte mit Anfang 20 begonnen, seine musikalische Vision von ausgedehnten Improvisationen umzusetzen. Zunächst mit dem Schlagzeuger Magnus Öström, 1993 erweiterte der Bassist Dan Berglund das Duo zum Trio. Seitdem stand das e.s.t. für einen künstlerischen Ernst im Umgang mit der Musik und ebenso für ein puristisches, akustisches Konzept. An diesem hielt die Gruppe auch in den Neunzigern fest, als in Skandinavien viel mit elektronischen Klangerweiterungen experimentiert wurde.
Das e.s.t. machte Brüche hörbar, die Auseinandersetzung mit einer politischen Welt, die aus den Fugen geraten war. Und doch entsagte Svensson nie so radikal der Melodie wie etwa der ebenfalls aus Stockholm stammende Free-Jazz-Saxofonist Mats Gustafsson. Svensson war vielmehr ein Architekt der Klanglinien, die er mehrstimmig schichtete.
Vor wenigen Tagen erst hat das e.s.t. die Aufnahmen zu seinem zwölften Album Leucocyte abgeschlossen. Im Beiheft zur Doppel-CD e.s.t. live in hamburg , für die das Trio im März 2008 den German Jazz Award bekam, schrieb Esbjörn Svensson über seine Vorbereitungen zum Konzert: Er habe noch am Nachmittag zur Übung einige Stücke von Bach gespielt, Fugen aus dem Wohltemperierten Klavier . Der Konzertflügel sei so wunderbar und perfekt gestimmt gewesen, und er habe vor dem Konzert Yogaübungen gemacht. Im Konzert selbst habe er stets das Gefühl, als bleibe die Zeit stehen. Das Spielen improvisierter Musik sei wie die Transzendenz in eine andere Dimension, eine andere Welt.
In dieser anderen Welt ist er jetzt. Uns bleiben die Erinnerung an seine denkwürdigen Konzerte und seine Aufnahmen – ein Stück gefrorene Zeit.


Leukozyten, die weißen Blutkörperchen, verteidigen als Zellen des Immunsystems den Körper gegen fremde Erreger und Infekte. Von Zeit zu Zeit müssen sie sich erneuern, um ihre lebensrettende Arbeit fortsetzen zu können. Für e. s.t. erfüllen spontane Jamsessions dieselbe Aufgabe. Solche Jams kommen ohne komponiertes Material oder vorgefertigte Songs aus. Ihre Essenz liegt darin, dass die Musiker frei miteinander agieren und einzig dem Fluss der Musik folgen, den Ideen, die kommen und gehen. Diese völlige Freiheit der Improvisation brauchen die Musiker von e. s.t. immer wieder, um neue musikalische Regionen zu erforschen und die Grenzen ihrer Kommunikation zu erweitern. Viele e. s.t.-Hits haben sich in der Vergangenheit aus eben dieser Art der Improvisation entwickelt, bevor sie sich später zu Kompositionen verfestigten. Leucocyte, das jüngste e. s.t.-Album, veranschaulicht eindrucksvoll diese einzigartige Fähigkeit der drei Musiker, ohne kompositorisches Netz und stilistische Einschränkungen zu kommunizieren – eines der Markenzeichen von e. s.t. Aus dem unmittelbaren Zusammenspiel von Esbjörn Svensson am Klavier, Dan Berglund am Bass und Magnus Öström am Schlagzeug entstehen musikalische Ideen, die weiterentwickelt und zu neuen Horizonten getragen werden. Die drei spielen mit einem unglaublichen Gespür dafür, wohin die Musik sie führt, und sie hören und reagieren aufeinander, wie es nur ein Kollektiv kann, das seit mehr als 15 Jahren als Einheit arbeitet und denkt. Die Aufnahmen für dieses Album fanden während der Australien-Tour der Band im Januar 2007 statt, in den berühmten „Studios 301“ im Zentrum von Sydney. Zwei lange Tage improvisierte das Trio und spielte insgesamt neun Stunden Musik ein. Leucocyte lädt nun auf eine Reise durch das Innerste von e. s.t. ein; eine Reise, bei der man unmittelbar in den Entstehungsprozess der Musik hineingezogen und von ihrer rauschhaften Energie mitgerissen wird. Ein atemberaubender Trip durch die Blutbahnen vom Gehirn bis hinunter in die Füße und zurück ins Herz von e. s.t. – genau wie Leukozyten, die durch unseren Körper fließen.


Right after the untimely passing of Esbjörn Svensson his band colleagues Magnus Öström and Dan Berglund had decided to stop the release of the already finished album Leucocyte.
Now this final e.s.t. album will get released worldwide on September 01, 2008 in its original and unchanged version - as it has been previously approved by the band and delivered to the record companies before Esbjörn Svenssons passing. It will now become the legacy of Esbjörn Svensson and shows the band at its very peak in its most daring, innovative and ground breaking performance.
Here is ACT's (the record label) press text for the album:
Leucocytes, white blood cells, are a part of the human immune system that protect the body against foreign pathogens and infections. They must periodically renew themselves to continue their work.
For e.s.t., spontaneous jam sessions were the way to renewal. They would often rent a local recording studio for a couple of days during their tours and then start to jam. They did this without any pre-composed material. The musicians reacted freely to each other and let themselves be totally carried by the flow of ideas and musical to and fro. The players needed this freedom in order to explore new musical regions, or as Esbjörn Svensson always formulated it, “...to follow the music". In the past, many of the trio's compositions were developed through precisely this art of improvisation.
And there was scarcely another formation on the planet that was as predestined for this way of going about business as e.s.t were. The three performed with an almost telepathic assuredness, breathing as one; “This group has become one sound, one genius mutant human being with six hands, three brains and one musical sensibility." (Jamie Cullum). The trio constantly posed the fundamental question, “What can a piano trio be that it has not been before?" (Pat Metheny).
Leucocyte is the result of one of these two day jams. It took place at the famed “Studios 301" in Sydney during the band's Australian tour. In early 2008 e.s.t.'s sound engineer Ake Linton joined the band at the Bohus Sound Studios in Gothenburg, Sweden to begin mixing. On April 28 there was a photo shoot in Berlin for the new campaign. On May 16 the artwork and album were delivered to the label.
Then on June 14 the incomprehensible happened: Esbjörn Svensson, probably the most influential stylist of the last decade, lost his life in a diving accident off the island of Vrämdö near Stockholm.
As a result, Leucocyte has become Esbjörn Svensson's and e.s.t.'s musical legacy! It is the most venturesome album Esbjörn Svensson (p), Dan Berglund (b), and Magnus Öström (dr) have recorded as e.s.t. The essence of this journey of discovery is its ecstatic energy. It is a trip through the bloodstream sans compositional safety-net and stylistic restraints in which the borders of musical communication are sounded out.
Esbjörn Svensson's orbital musical journey began barely ten years ago with From Gagarin's Point Of View, before coming to Earth with Strange Place For Snow and Seven Days Of Falling. He provided food for the soul with Viaticum, lost himself in his Tuesday Wonderland, and the journey now comes to an end with Leucocyte.
This album corresponds 100% to the material that Esbjörn Svensson, Dan Berglund and Magnus Öström chose and sent to their label on May 16, 2008.
Visit website Esbjorn Svensson at All About Jazz.

Live In Hamburg Released Digitally Only On September 30th
The new album from the international jazz trio e.s.t (the Esbjorn Svensson Trio) serves as their ultimate legacy after the sudden accidental death of the Swedish jazz pianist and composer Esbjörn Svensson while scuba diving near Stockholm at the age of 44.
Leucocyte pays tribute and carries on the memory of one of the most innovative jazz trios of our times. The album will be in stores September 30th on Emarcy. Capturing the incredible concert performances, Emarcy will also release the double live album, Live In Hamburg, simultaneously via online retailers everywhere.
The name of the album Leuocyte comes from the literal definition- white blood cells, part of the human immune system that protects the body against foreign pathogens and infections. They must periodically renew themselves to continue their work and for e.s.t., spontaneous jam sessions were precisely their way to renew and rejuvenate. In between gigs the trio often rented studio rehearsal space for a couple of days during tours to jam without any pre-composed material. The musicians the freedom of improvising and the free exchange of idea in order to explore new musical regions, or as Esbjörn Svensson always formulated it, “to follow the music". By using this method they were able to fuse traditional jazz, funk and rock to create a tapestry of genres.
The threesome--Esbjörn Svensson (piano), Dan Berglund (double bass) and Magnus Öström (drums)- have always blended an eclectic mix of classical, melodic jazz and electronics coupled with an energetic rock element; but Leuocyte shows e.s.t. taking it to the next level with their most daring, innovative and ground breaking performance. The recording was a the result of one of the aforementioned two day jams sessions that took place at the famed “Studios 301" in Sydney during the band's Australian tour in 2007.
The trio exploded onto the scene with From Gagarin's Point Of View, before coming to Earth with Strange Place For Snow and Seven Days Of Falling. Esbjörn Svensson provided food for the soul with Viaticum, lost himself in his Tuesday Wonderland, and the journey now comes to an unfortunate end with Leucocyte. Their incredible musical journey began barely ten years ago but they garnered several prestigious awards, graced the cover of several international magazine including Jazziz and Downbeat and mesmerized critics and fans along the way. To say Esbjörn Svensson will be missed is a massive understatement but his legend lives on with the wonderful expressive music of e.s.t..

~ Thomas Staiber

Deko Füller
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