Artikel geschrieben am: 28.11.04
Doppelmoppel, 28.11.2004 ES Dieselstraße
Jazz steht im Ruf, eine sperrige Sparte zu sein. Manchmal wird er dem auch gerecht. Am Sonntagabend in der Esslinger Dieselstraße zum Beispiel. Da war Doppelmoppel am Start, „die beste Free-Jazz-Band der DDR“. Der atemberaubende Conny Bauer (SWR-Preisträger 2004) und der impulsive Johannes Bauer kamen jeweils mit der Posaune zum Zug, während Joe Sachse in die Saiten einer elektrischen, Uwe Kropinski in die einer akustischen (Flamenco-)Gitarre griff und darauf zugleich perkussive Feuerwerke entfachte. Doppelt gemoppelter New Jazz.
Die Gebrüder Bauer füllten den Klangraum mit elefantösem, schiffshupenartigem und entenmäßigem Gebläse, wobei sie familiäre Nähe demonstrierten und die dabei oft entstehende Reibungsenergie freisetzten. Die beiden Saitenkünstler aus dem Osten unseres Vaterlandes ließen – zur Überraschung vieler nicht ohne harmonischen Schmelz – ihre Klanglandschaften aufblühen. Das änderte sich aber schnell, als neue Dialogsituationen entstanden. Das Gitarrenspiel wurde nun stachelig und widerborstig, während Conny Bauers zirkular beatmete Posaune unbeirrbar vorwärts drängte. In rasantem Tempo und rhythmisch stringent fand das Stück schließlich in einer Kollektivimprovisation ein abruptes Ende.
Offenbar bereitet das musikantische Verfahren der Destruktion und Konstruktion den vier Protagonisten größtes Vergnügen. Dass dem eine anarchistische Kraft innewohnt, eine Lust am Ausbruch, die unter den engen DDR-Verhältnissen als künstlerische Sprengkraft gewirkt haben mag, ist nachzuvollziehen. Auch heute - nach 1989 - erregt Doppelmoppel in eingeweihten Kreisen hohe Aufmerksamkeit: wegen der Intensität, der Virtuosität, ja der Genialität dieses Ausnahmequartetts, das mit unbändiger Wildheit, einer rauen Schönheit und seiner musikalischen Energie heute die europäische Jazzszene bereichert. Starker Applaus in der gut besuchten Dieselstraße. Thomas Staiber
~ Thomas Staiber
Neuster Artikel: