Artikel geschrieben am: 27.02.06

Brad Mehldau Trio

Der Mann ist da, wo viele Jazzmusiker hinwollen. Ganz weit oben. Brad Mehldau, der introvertierte Jazzpianist, hat auf dem Weg dahin gern Gattungsschranken übersprungen: von Led Zeppelin zu Debussy, von Jazzstandards zu Soundgarden, von Burt Bacharach zu Bill Evans. Dabei geht Mehldau in der Improvisation völlig auf; er spielt, als hinge davon sein Leben ab, und er ist zugleich ein Formalist mit dem ausgeprägten Gefühl großer Erzähler für Spannungsbögen. Dichotomie macht Mehldaus Wesen aus: leidenschaftlich ist er und glasklar strukturierend, streng und wild, ein „implodierender Romantiker“, wie Konrad Heidkamp in der „Zeit“ schreibt.

Damit zieht der tätowierte Mann aus Florida, der seine Ansagen auf Deutsch macht, auch im Theaterhaus das Publikum in seinen Bann. Mit diesen schlanken Händen, die sich aufeinander beziehen wie Text und Kommentar, die miteinander spielen wie zwei Katzen.

Mehldaus Vorbild ist das John-Coltrane-Quartett der 60-er Jahre, von dem er „Count Down“ spielt, ein Stück, das zugleich „Fuck You“ und „I Love You“ zu sagen scheint. Mehldau braucht Pole, um seinen Akku aufzuladen, mit dem er sich auf Klangreisen begibt. Und die muten an wie Tauchgänge in die Welt des Unterbewussten.

Doch während Keith Jarretts Ziel Ekstase ist und Esbjörn Svenssons Mittel Hypnose, bleibt der vom Geist deutscher Philosophie faszinierte Mehldau eher zurückhaltend. „Day Is Done“ von Nick Drake ist die Titelnummer der aktuellen Platte, die er im Konzert vorstellt (und später geduldig signieren wird). Liegt es an der Batterie Surprise des neuen Drummers Jeff Ballard, diesem rhythmischen Unruhestifter, dass der 35-jährige Tastenkünstler derart frisch und inspiriert aufspielt, mit sperrigen Akkorden, kühlen Schnitten und perlenden Linien kontert, liegt es an der gewohnt geschmeidig-elastischen Kontrabassbegleitung von Larry Grenadier? Oder am Reiz des ausgewählten Materials?

Mit welch unangestrengter Leichtigkeit Mehldau, der bestimmt auch ein sehr guter Bach-Pianist wäre, rhythmisch und harmonisch schwierigste Passagen meistert, einen Standard wie „All The Things You Are“ kunstvoll auseinander nimmt und locker wieder zusammenfügt, ohne dass das Trio einen Moment die Kontrolle verlieren würde, macht anwesende Jazzer zu hemmungslosen Bewunderern. Doch als er die Ballade „The Very Thought Of You“ so innig, weich und warm spielt, geht einem - ob man will oder nicht - einfach das Herz auf. Das begeisterte Publikum weiß am Ende genau, es hat zwei musikalische Sternstunden erlebt.

~ Thomas Staiber

Deko Füller
Familienbild