Artikel geschrieben am: 15.07.05
Al Di Meola – Till Brönner – Wolfgang Haffner, LBBW Jazz Open, 15.07.05, Pariser Platz
Von solchen lauen Sommernächten träumt man eigentlich das ganze Jahr. Glück gehabt: Das Wetter spielte bei allen drei LBBW-Jazz-Open-Veranstaltungen auf dem Pariser Platz mit. Nach der R & B-Zicke Lauryn Hill, die 2900 Menschen warten ließ und es sich bei den Veranstaltern verscherzt, und einem James Brown in Hochform (3500 Zuschauer) kamen am Freitag die Jazzfans (1600) zu ihrem Open-Air-Vergnügen. Ansonsten fanden sie sich in überschaubarer Zahl im Mozartsaal wieder, wo wenig von der Festivalatmosphäre zu spüren war. 4500 dagegen strömten zur zauberhaften Katie Melua und füllten Stuttgarts schönste Freiluft-Lokalität, die Killesberg-Arena.
Statt eine Location nach der anderen auszuprobieren, wünschte man sich einen festen Ort für Open-Air-Konzerte, den die Stadt, die ja steuerlich profitiert, zur Verfügung stellen sollte.
Erfreulich: Zwei der drei Jazzkonzerte am Freitag wurden von deutschen Gruppen bestritten. Das ist keine Selbstverständlichkeit. In Moers beispielsweise spielten an Pfingsten über hundert Jazzformationen – keine einzige deutsche war eingeladen!
In Stuttgart ging die Sonne unter, als sich Wolfgang Haffner, Deutschlands Drummer Nr. 1, ans Schlagzeug setzte, zunächst mit bloßen Händen spielte und strahlte. Sein Quartett lässt sich Zeit. Auf flirrenden Klangflächen, die vom Keyboard (Sebastian Studnitzky) herüberwehen, über dem Crescendo der stark bedienten E-Gitarre (Frank Kuruc) und vom Pulsschlag des E-Bass angetrieben, entfaltet sich im Zeitlupentempo das Thema wie eine Blüte. Johannes Enders, der inspirierte Saxophonist aus Weilheim, intoniert es sanft, dann immer heißer. Um die lockeren Schlagzeug-Grooves Haffners bauen sich elegante, geschmeidige und abwechslungsreiche Tunes auf. So schön es ist, Delphine beim Tauchen zu betrachten, so angenehm ist es, dieser Musik zu folgen. Während die Menschen sich in den Hüften wiegen und lächelnd applaudieren, durchkreuzt ein silbernes Flugzeug den noch wolkenlosen Himmel.
Till Brönner legt „ohne viel zu labern“ los und rückt mit einem atemberaubenden Trompetensolo sofort die Verhältnisse zurecht. Wer geglaubt hatte, hier einen Bläser-Softie zu erleben, der am liebsten alte Schlager neu verpackt, sah sich getäuscht. Denn was das akustische Quintett hier abliefert, ist reiner Jazz. Jazz, der internationalen Maßstäben locker standhält. Alles ist da: Virtuosität, Dynamik, Phantasie. Ganz stark: Pianist Carsten Daerr und Holzbläser Mark Wyand. Brönner spielt eine mitreißende Version von Freddie Hubbards „Little Sunflower“ und Eigenes („Diabolo“). Wie Chet Baker, mit dem er verglichen wird, ist Brönner in seinen Gesang verliebt und legt zum Leidwesen mancher Zuhörer ab und an sein goldenes Horn zur Seite. Aber sein gesungenes Liebesgeständnis passt dann doch ganz gut in die Stuttgarter Sommernacht.
Vor dem Auftritt des Gitarrenvirtuosen Al Di Meola hatte sich der Himmel verdunkelt. Wetterleuchten spiegelte sich in den kühlen Glasfassaden der Bankgebäude. Doch das Gewitter entlud sich auf der Bühne. Ein donnernder, hammerharter Rhythmus (US-Schlagzeug und Perkussion, kubanischer Bass, argentinisches Keyboard) sorgt für so viel Druck, dass es einem schier den Atem verschlägt. So hat es der 50-jährige Saitenkünstler offenbar gern. Er startet im Formel 1-Tempo, ohne auch nur einmal auf die Saiten zu schauen. Anwesende Amateurgitarristen staunen Bauklötzchen. Dann wird es mit einem Schlag ruhig. Al Di Meola lässt eine Melodie aufblühen wie eine Dschungelblume. Im heißen Florida, in Lateinamerika oder in San Francisco ist seine Musik daheim. Auch diese Freitagnacht in Stuttgart ist heiß genug. Er nimmt die 12-saitige Gitarre auf den Schoß und entfacht ein spanisches Feuerwerk, dass man das Gefühl bekommt, der Mann ist schneller als sein Schatten.
Am Ende der Jazznacht kehrt doch noch die Popmusik auf den Platz zurück. Der russische Sänger Leonid Agutin, dessen Stimme in den besten Momenten an die von Sting erinnert, inszeniert süße, synthetisch aufgewärmte Songs mit großer Besetzung und afrikanischen oder südamerikanischen Klangfarben. Das ist austauschbar, massenkompatibel und entfaltet doch eine gewisse Sogwirkung. Mädchen tanzen auf dem Platz. Al Di Meola begleitet bescheiden. Natürlich bewegt er sich dabei am unteren Rand seiner Möglichkeiten. Der Jazz hatte sich längst verabschiedet.
Tags darauf kehrte der Jazz mit dem Trompeter Roy Hargrove, 35, triumphal und bestens gelaunt zurück. Im seinem Gefolge: knackiger Funk, kerniger R & B und ein Hauch Black Pop. So, als würden am Ende des Festivals alle bisher gehörten Stile zu einem verschmelzen. Frau Hill und Herr Brown hätten ohne weiteres mit dieser Band auftreten können. Wir erfreuten uns stattdessen an Renée Neufville, einer Sängerin und Keyboarderin, die sicher auch als Model Erfolg hätte. Im kleinen, aber feinen Mozartsaal gab es ein denkwürdiges Konzert, bei dem es die Leute kaum in den Sitzen hielt. Doppelt besetzt: Schlagzeug, Keyboard und Saxophon. Dazu ein Bass und eine E-Gitarre (Todd Parsnow). Roy Hargrove, der Bandleader des Nonetts, ist ein Himmelsstürmer und ein begnadeter Rhythmiker. Er spielt mit seinem Namen und macht spektakulären „Hard Groove“ : Dieses Konzert hätte im Freien stattfinden sollen! Auf jeden Fall: ein akustisches Feuerwerk zum Abschluss des Jazzfestivals. Thomas Staiber
~ Thomas Staiber
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