Artikel geschrieben am: 07.05.04
Zwanzig Jahre Jazz in der Dieselstraße
Wenn man die lange Liste der Konzerte durchliest, die Manfred Müller in den letzten zwanzig Jahren in der Dieselstraße organisiert hat, hat man das deutliche Gefühl, das Mekka des neuen Jazz liege am Neckar. 420 Live-Auftritte gingen im Esslinger Avantgarde-Club seit dem Solokonzert des Kontrabassisten Peter Kowald am 7. Mai 1986 über die Bühne. Was für Erinnerungen!
Sie waren alle da. Die Stars der New Yorker New-Jazz-Szene aus der Knitting Factory (Tim Berne, Anthony Braxton, Mark Helias oder Ray Anderson). Allen voran Fred Frith, der den Club in Anlehnung an einen badischen Tennisspieler „mein zweites Wohnzimmer“ nennt. Die Italiener (Enrico Rava, Gianluigi Trovesi) bestachen mit Spielfreude und rauer Eleganz, ebenso die Franzosen mit ihrer Folklore Imaginaire (Henri Texier, Louis Sclavis, Renaud Garcia-Fons), nicht zu vergessen die Improvisatoren aus Holland (Willem Breuker, Han Bennink, Ernst Rejiseger) oder dem Vereinigten Königreich (Tony Oxley, Evan Parker). Die Frauen des zeitgenössischen Jazz rückte Christa Wörner ins Scheinwerferlicht, die von 1995 an acht Jahre für’s Booking zuständig war. Irène Schweizer, Erika Stucky, Myra Melford, Aki Takase – um nur ein paar Namen zu nennen, die Jazherzen höher schlagen lassen.
Ganz besonders schätzt das sachkundige Publikum, das sich mit gefällig plätscherndem Mainstream nicht zufrieden geben würde, die Jazzszene aus deutschen Landen. In der Dieselstraße musizierten noch vor der Wende die jungen und weniger jungen Wilden aus der DDR (Ernst-Ludwig Petrowsky, Ulrich Gumpert, Conny Bauer oder Günter „Baby“ Sommer) und die westdeutschen New-Jazz-Freaks Albert Mangelsdorff, Peter Brötzmann, Bernd Konrad, Christof Lauer, Heinz Sauer und viele, viele andere.
Bezahlbar sind in Esslingen nur kleine Besetzungen und gebucht werden Musiker, die in der Region sonst kaum zu hören sind. Wenn man die Dieselstraße besucht, erlebt man kammermusikalische Improvisationen, quicklebendigen Jazz mit Gütesiegel und Spaßgarantie. Manfred Müllers Kontakte zur Szene, die er bei Festivalbesuchen immer wieder auffrischt, haben den Live-Club in der Dieselstraße von New York bis Paris, von Amsterdam bis London, von Rom bis Berlin bekannt gemacht. Wir freuen uns, dass die Dieselstraße in der Nähe ist und gratulieren den engagierten Esslinger Machern und Helfern. Thomas Staiber
~ Thomas Staiber
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