Artikel geschrieben am: 28.06.02
3. Didge Days Stuttgart mit Conny Bauer und Stephen Kent, 28. 06. 2002, LAB und Kulturwerk
Eukalyptusäste, von Termiten ausgehöhlt, in einer bestimmten Länge abgehackt, produzieren Dis, den Grundton aller Didgeridoos. (Für Anfänger tut’s übrigens auch ein Abflussrohr von Obi.)
Einst als Tieftönerbasis heiliger Aborigines-Erzählungen unentbehrlich, findet man das mystische Blasinstrument heute in anderen Zusammenhängen: Peter Gabriel oder Herbie Hancock haben es in Pop und Jazz schätzen gelernt. Im Stuttgarter Osten rund ums Kulturwerk hat sich ein nicht allzu kleine Gemeinde von Didge-Freaks herausgebildet, die einmal im Jahr ein Festival der besonderen Art auf die Beine stellen.
Was hat dort, fragt man sich, Conny Bauer, die Posaunenlegende aus Deutschland-Ost, verloren. Die Managerin, antwortet der unverblümt, habe den Gig eingefädelt. Und fügt hinzu, er habe 1980 eine Platte aufgenommen, die sich tatsächlich nach Didgeridoo anhöre. Er selbst habe aber erst später durch eine ethnologische Musiksendung das australische Blasinstrument kennen gelernt.
Als er dann seine Tenorposaune ansetzt, lächeln die Leute im LAB, so täuschend ähnlich imitiert er das Didge. Zirkular atmend, singend und blasend zugleich, entstehen flirrende Obertöne. Basslinien ranken sich am Grundton empor wie Efeu an einer Mauer. Dann lässt er die Posaunentöne hüpfen und springen, übereinander purzeln, Fangen spielen. Ein Sampler nimmt eine hübsch rhythmisierte Phrase auf, verdoppelt sie, eine dritte kommt dazu, und Bauer improvisiert darüber, dass es eine Freude ist.
In der Beschränktheit der Mittel entfaltet im Spätkonzert ein paar Meter weiter Stephen Kent aus London seine Kunst. In Uganda aufgewachsen, kam er vor 20 Jahren als Leiter des Zirkus Oz mit dem Didgeridoo in Kontakt. Seither hat er sich perfektioniert. Ein großhubiger tiefer Ton füllt den Klangraum aus. Die Unmittelbarkeit dieser Wirkung ist erstaunlich: es ist ein körperliches Hören, bei dem die Eingeweide und der Unterbauch vibrieren. Ein fast hypnotischer Sog geht von diesem archaisch bemalten Instrument aus, von dem die Töne auf eine unendliche Klangschleife geschickt werden. Dieser Ton trägt weit, auch wenn er hier in einem Raum gefangen ist. Er enthält eine Vielzahl von Unter- und Obertönen: fauchende, bellende, schnarrende, wie ein Bumerang zischende. Rhythmisiert von einer Klapperschlangenrassel, die Kent mit der Linken bewegt. Sein Didegridoo-Ton ist lebendig, ein Tier auf der Jagd, ein Seelenfänger, eine akustische Droge, ein Aphrodisiakum. Jubel des jungen Publikums im ausverkauften Kulturwerk Naost. Thomas Staiber
~ Thomas Staiber
Neuster Artikel: