Artikel geschrieben am: 07.03.09

--- (Datei: De Phazz + hr-bigband 2009)

DePhazz und die die hr-Bigband, 6.3.2009 (unbestuhlt 650 Besucher) - German Jazz Masters, 7.3.2009 (bestuhlt 500 Besucher, ausverkauft), Gustav-Siegle-Haus
Der Triumph des analogen Jazz
Der Bruch mit der digitalen Tradition polarisiert das Publikum im unbestuhlten Gustav-Siegle-Haus bei der ersten der beiden Jazzopen Nights Stuttgart. Von der Heidelberger Lounge-Combo DePhazz wird seit zehn Jahren ein cremig-sämiger Stilcocktail gereicht. Schöne Melodien, tanzbare Rhythmen, ein Schuss Soul, ein Spritzer Mambo, eine Messerspitze Jazz. Doch nun das! Um das Jubiläum gebührend zu feiern, holte Pit Baumgartner, erfolgreicher Sound-Designer und Master Mind, eine der besten Großformationen des deutschen Jazz, die glänzend besetzte hr-Bigband, auf die Bühne. Damit drängte sich der gelernte Hörspielcutter mitsamt seinen Loops und Samples selbst in den Hintergrund. Vorne jedoch bejubelten Pat Appleton und Karl Frierson, die Sängerin und der Vokalist mit den starken Soul-Stimmen, die neue Dimension: „Wir erleben die Wiedergeburt unserer alten Hits – einfach geil!“
Der musikalische Cocktail, der da gereicht wurde, schmeckte durch die Zutaten des großformatigen Jazz wesentlich härter und schärfer. Doch auch das kann lustig sein. Die meisten Leute bewegten sich nach einer gewissen Schockstarre wie ein Kornfeld, durch das der Wind streicht. Die tanzbaren Hits von DePhazz tragen also auch mit Bigband-Begleitung. Wer bei Latinnummern wie „Something Special“, bei Soul-Songs wie „Preachin’ “ oder beim funkigen „Rise & Shine“ ruhig stehen bleibt, ist selbst schuld. Am Schluss gab es Jubel ohne Ende für Destination Phuture Jazz, kurz: für DePhazz und ihre zwanzig Gäste aus Hessen.
Was einen tags darauf erwartete, war klar: handgemachter, mundgeblasener Spitzenjazz aus deutschen Landen. Serviert von den lebenden Legenden Wolfgang Dauner, 73, Klaus Doldinger, 72, und Manfred Schoof, ebenfalls 72. Wolfgang Schmid, E-Bass, und – wirklich überzeugend - Obi Jenne am Schlagzeug sorgten für ein elastisches Rhythmusfundament, bei dem allerdings einige Kompositionen mit einem marschierenden, swingenden Kontrabass besser geklungen hätten. Wunderbar, welche Spielfreude diese Herrschaften antreibt! Jazz hält offenbar jung. Dauners Klavierläufe perlen frisch wie Gebirgsbäche, Doldingers Saxophon klingt beseelt und heiß wie eh und je, und Schoof ist mit seiner strahlenden Trompete und besonders mit dem warmen weichen Flügelhorn ein großer Lyriker vor dem Herrn. Das Zusammenspiel der German Jazz Masters? Schlicht ein Gedicht. Die besten Kompositionen, die sie für dieses Konzert ausgesucht haben, klingen wie die Quintessenz ihres musikalischen Lebens: Dauners fabelhafter „Transtanz“, Schoofs „Like Don“ (gemeint ist Don Cherry) oder Doldingers Großstadtnummer „Yellow Cab“. Kurz und gut: ein unvergessliches Jazzkonzert, für alle, die das Glück hatten, dabei sein zu können.
Die beiden Konzertabende verliefen somit ganz im Sinne des Innenministers Johann von Pischek, der 1954 „den Zugang weitester Kreise des Volkes“ in das nach dem Krieg wieder aufgebaute Gustav-Siegle-Haus gewünscht hatte, „zur gediegenen Bildung des Geistes und zur Öffnung der Herzen“. Thomas Staiber


 

~ Thomas Staiber

Deko Füller
Familienbild