Artikel geschrieben am: 24.09.04
Wolfgang Dauner, Klavier, Mini Schulz, Bass – Jazzkeller Esslingen 24. 09. 04
Wolfgang Dauner, 68, greift in die Saiten des weit geöffneten Flügels, Mini Schulz, 37, antwortet mit obertonreichem Spiel auf den vier Saiten seines nahezu körperlosen Basses. Augenblicklich verstummen die Gespräche im ausverkauften Esslinger Jazzkeller.
Das Thema eines Liebesliedes blüht auf. Dauner hat es für seine Frau geschrieben, mit der er – um den Kopf frei zu bekommen vom Großstadtgetriebe – gelegentlich ans Schweizer Ufer des Bodensees fährt. Dort in Gottlieben steht das Hotel Drachenburg, das idyllisch gelegene Refugium. „Drachenburg für R.“ heißt die Komposition, der Dauner immer wieder neue harmonische Abschweifungen und rhythmische Variationen abgewinnt. Die melodischen Phrasen und die Vielzahl der strömenden Klavierklänge sind wie geometrische Figuren, wie sie zu sehen sind, wenn man auf’s Wasser eines Sees schaut, über den der Wind geht. Eine kontemplative und innig-emotionale Musik.
„Nardis“, die orientalisch angehauchte modale Glanznummer von Miles Davis, wirkt mit ihren vielen Sekund- und kleinen Terzschritten ungleich schroffer und kantiger. Wunderbar, wie Dauner, den manche einen europäischen Bill Evans nennen, behände das Material zum Fließen bringt, ohne die Widerstände zuzudecken. Mini Schulz, der drei Jahre nachdem Dauner zum ersten Mal im Esslinger Jazzkeller aufgetreten war, auf die Welt kam, lässt jetzt seinen Spezialbass, der an den von Eberhard Weber erinnert, richtig marschieren. Den großen rhythmischen Anforderungen wird er – ohne von einem Schlagzeuger unterstützt zu werden – spielend gerecht. (Bei John Coltranes fulminantem Village Blues allerdings hätten wir uns einen zupackenden Drummer doch sehr gewünscht.) Schulz zählt zu den Wenigen seiner Spezies, dessen Chorusse so intensiv und aussagestark sind, dass ihnen jeder mit Aufmerksamkeit folgt.
Zeit für ein wenig Ruhe, Zeit für die getragenen Töne einer Ballade, Zeit für „Yesterdays“ von Jerome Kern. Mancher hängt nun seinen Gedanken nach, denkt an Dauner, wie der – ganz Kind unserer Zeit - vom provozierenden Grenzgänger und wilden Formensprenger zum geläuterten Jazzästheten und gediegenen Klassikinterpreten geworden und stets ein Wegbereiter der europäischen Improvisationsmusik geblieben ist.
Elastisch federnd begleitet Mini Schulz, der am liebsten direkt zur Sache kommt, Billy Strayhorn häufig gehörtes „Lush Life“. Dauner holt die elegante Nachkriegsnummer nahezu klischeefrei in die Gegenwart. Zuhörerhände trommeln dabei diskret auf Oberschenkeln, Fußspitzen wippen taktvoll auf dem Steinboden des alten Gewölbes. Zum swingenden Vergnügen kommt noch eine geradezu hypnotische Sogwirkung, als Dauner „TransTanz“, seinen wohl besten Jazztitel anstimmt. Die ostinate Basslinie der Linken konterkariert er rechts tremolierend, sprühend, eruptiv. Changierend zwischen perlenden Läufen, eingestreuten Clusters und verklärender Romantik geht der Stuttgarter Tastenkünstler ans jazzige Werk. Dabei entfaltet er, der vor einigen Jahren den Schlag einer gesundheitlichen Krise verkraften musste, eine mitreißende Stärke. Es ist eine geschmeidige Stärke, die aus der Weichheit kommt. Dauner – das zeigen seine Konzerte mehr und mehr - geht nur in der Musik ganz aus sich heraus, hier offenbart sich seine Verletzlichkeit und hier thematisiert er die oft schwierige Suche nach Harmonie, nach Glück. Thomas Staiber
~ Thomas Staiber
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