Artikel geschrieben am: 01.01.70

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„Das Hören auf andere Stimmen, Gegenstimmen und Dissonanzen – die Regeln der Musik spiegeln das Leben selbst.“ Martin Luther

Wolfgang Dauner wird am 30.12.2010 75 Jahre alt

Das Thema eines Liedes blüht auf. Dauner hat es für seine Frau geschrieben, mit der er – um den Kopf frei zu bekommen vom Großstadtgetriebe – gelegentlich ans Schweizer Ufer des Bodensees fährt. Dort in Gottlieben steht das Hotel Drachenburg, das idyllisch gelegene Refugium. „Drachenburg für R.“ heißt die Komposition, der Dauner immer wieder neue harmonische Abschweifungen und rhythmische Variationen abgewinnt. Die melodischen Phrasen und die Vielzahl der strömenden Klavierklänge sind wie geometrische Figuren, wie sie zu sehen sind, wenn man auf’s Wasser eines Sees schaut, über den der Wind geht. Eine kontemplative und innig-emotionale Musik. Dauner scheint zu spüren, dass Liebe und Musik die beiden Bereiche sind, wo das Glück daheim sein kann.
Der Tod als sein stärkster Gegenpol begegnet uns, wenn wir älter werden, immer öfter. Schon als junger Mensch hat ihm Dauner ins Gesicht geschaut, als ein unbeleuchtetes Auto ihn auf dem nächtlichen Heimweg von einem Gig nach Stuttgart-Münster auf’s Trottoir geschleudert hat. „In Coma Veritas“ schrieb er damals. Vor zehn Jahren hat sich der Tod wieder gemeldet. Dauner wurde von einer Krankheit schlagartig heimgesucht. Das hat ihn in eine Krise gestürzt, aus der mit starkem Willen und der Hilfe seiner Frau herausgefunden hat. Danach stand eine bittere Erfahrung an: Für viele, die ihn vorher mit Auftragskompositionen versorgt hatten, war er plötzlich aus dem Geschäft. Dauner sah sich – etwa bei der Werbung und Filmmusiken – „aus Kostengründen“ ersetzt durch elektronische Maschinen. Die öffentlich rechtlichen Anstalten, so Dauner heute, kommen ihrem Auftrag kaum mehr nach, Jazz als die innovativste aller Musiksparten angemessen zu fördern.
Musikalische Weggefährten Dauners hat der Tod umgemäht. Um nur drei zu nennen: zuletzt Charlie Mariano, der von allen geschätzte Saxophonist. Zuvor Posaunenweltmeister Albert Mangelsdorff, Dauners geschätzter Duopartner und enger Freund, und zwei Jahre vorher Volker Kriegel, der gebildete und humorvolle Gitarrist vom United Jazz & Rock Ensemble. „Jetzt müssen wir ohne sie auskommen“, sagt der große deutsche Jazzpianist und blickt schweigend aus einem Fenster seines Hauses im Herdweg auf die Dächer der Stadt und auf den hellen Himmel. „Sad am I, glad am I“, lautet eine Verszeile von Jerome Kerns melancholischer Ballade „Yesterdays“, die Billie Holiday einmal gesungen hat und die Dauner nicht von ungefähr ins Repertoire genommen hat.
Rückblick:
Wolfgang Dauner schreibt sich 1956 an der Musikhochschule Stuttgart ein und studiert Klavier und Trompete. Er gründet bald ein legendäres Trio mit Fred Braceful und Eberhard Weber (immer noch kraftvoll und frisch die LP „Dream Talk“ von 1964!), er tourt mit den German Allstars in Südamerika, wird 1969 Leiter der Radio-Jazz-Group, drei Jahre später Musiker des Jahres, schreibt seine Oper („Urschrei“), ist Mitbegründer des United Jazz & Rock Ensemble und des musikereigenen Labels Mood Records, gibt Konzerte u.a mit. Mangelsdorff, tourt mit Charlie Mariano und Dino Saluzzi, schreibt eine zweite Oper („Die verwachsene Froschhaut“), „Feuerwerxmusik“, „When In Trouble“, zwei sinfonische Kompositionen, Filmmusiken, er begleitet Konstantin Wecker, komponiert die Fanfare der Leichtathletik-WM, das SWR 2-Jingle, bekommt eine Verdienstmedaille und die German Jazz Trophy, er beschäftigt sich intensiv mit Haydn und macht wieder eine Südamerika-Tour mit den German Allstars, die sich jetzt „Old Friends“ nennen.
Der Stuttgarter Tastenkünstler, der von Ministerpräsident Oettinger mit dem Bundesverdienstkreuz 1. Klasse ausgezeichnet werden wird, sprengte Grenzen, ließ es krachen und provozierte. Er übersetzte das amerikanische Klaviergenie Bill Evans musikalisch ins Europäische, stand einmal auf Free Jazz und Noise Art, beschäftigte sich mit Elektronik und reflektierte stets gesellschaftliche Bedingungen von Musikproduktion. Ein Bewohner des Elfenbeinturms war er nie. Nach den Zeiten als junger Wilder machte Dauner Fernseh- und Filmmusiken, bevor er sich wieder an den Konzertflügel setzte. „Leichthändig und geschmackvoll, zeitgemäßer als Chick Corea“, schreibt die Neue Züricher Zeitung. Vom kühnen Grenzgänger und Formensprenger hat Dauner sich nun zum Jazzästheten geläutert und ist ein gediegener Klassikinterpret (Gershwin, Ravel, Haydn) geworden – und stets ein Wegbereiter der europäischen Improvisationsmusik geblieben. Dabei ist ihm die „dramaturgische Strategie“, der Aufbau weit geschwungener Spannungsbögen immer wichtiger geworden - im Kraftfeld von Liebe und Tod.
Dauners größter Wunsch ist es, dass er lange gesund bleibt und nicht noch einmal aufhören muss, Musik zu machen. Dem schließen wir uns an und gratulieren herzlich zu seinem 75. Geburtstag, der mit Konzertauftritten des Jubilars, einer Dauner-Biographie von Wolfgang Schorlau und weiteren Veranstaltungen unter dem Titeil „Dauner around – around Dauner“ bis in den Sommer nächsten Jahres stilecht begangen wird. Thomas Staiber




~ Thomas Staiber

Deko Füller
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