Artikel geschrieben am: 19.07.10
Céu / Pink Martini, 19.7.2010 Mercedes-Arena
Darf Musik sich anfühlen wie ein kühles fruchtiges Getränk in einer tropischen Nacht, in der eine Brise sanft vom Meer her weht? Oder ist das Kitsch, weil da unsere Sorgen und die gesellschaftlichen Widersprüche draußen bleiben müssen wie die Hunde beim Fleischer? Nachdem an den Abenden zuvor Jazzliebhaber, Klassikfreunde und auch Rockfans bedient wurden, lockte das Sommerfestival Jazzopen die Menschen mit „Easy Listening“ in die Open-Air-Arena am Mercedes-Museum. Pink Martini, eine Combo aus Oregon, die den Namen eines eiskalten Cocktails trägt - gemixt aus Wodka, Orangenlikör, Preiselbeer- und Limonensaft - begeisterte im zweiten Konzertteil die rund tausend Besucher in einer lauen Sommernacht.
Zuerst jedoch hatte man eine Enttäuschung zu verdauen. Die als Augenweide und Ohrenschmaus angepriesene brasilianische Band der 29-jährigen Céu entpuppte sich als dröhnender Langweiler. Ein DJ hinter seinen Turntables schaffte es im Handumdrehen, die Musik elektronisch aufzublähen und eigentümlich künstlich klingen zu lassen. Seine Beiträge waren derart dominant, dass auch die hübsche Stimme von Céu den Sambas, Bossas und Reggaes keine Seele einhauchen konnte. Ihrer Aufforderung zu tanzen kamen die auffällig chic gekleideten Leute nicht nach, applaudierten brav und freuten sich auf Pink Martini.
Schon bei den ersten Klängen dieses zwölfköpfigen Tanzorchesters lächelt das Publikum in der ausverkauften Arena selig wie ein satter Säugling. Ein Engel namens China Forbes bringt das Gewünschte. Die helle Stimme der Sängerin aus Oregon lässt sich weich und geschmeidig vom Rhythmus tragen wie ein Surfer von einer Welle. Sie singt das Lied von der Meerjungfrau, die sich in einen Seemann verliebt hat. Mehrstimmig ertönt der Refrain, eine Violine und eine Zugposaune intonieren die süße Rumba der Vergeblichkeit. Wie ein großes Mühlrad dreht sich der lebendig pulsierende Rhythmus der drei Perkussionisten und des Schlagzeugers im Strom dieser leicht dahin fließenden Musik. Die musikalische Reise führt von Havanna nach Paris und weiter nach Zagreb, Neapel, Istanbul, Moskau und Rio. Es ist eine Zeitreise ins unbeschwerte Damals. China Forbes, die in Harvard studiert hat, singt nahezu akzentfrei in sechs Sprachen. Sie singt das Chanson vom süßen Nichtstun, den Song vom Tal der Glückseligen, das in ihrer Heimat Oregon zu liegen scheint, die singt ein neapolitanisches Sehnsuchtslied und führt uns im Wiegeschritt ins Kuba der 50-er Jahre, als minzgrüne Limousinen vor der Hemingway-Bar hielten, wo der beste Pink Martini serviert wurde.
In unserer Zeit, in der keiner mehr Zeit hat, nimmt sich diese Musik Zeit. Sie entfaltet sich tänzerisch und swingt entspannt. Band-Leader Thomas Lauderdale am Piano hat ein feines Gespür für Spannungsbögen und musikalische Abläufe. Und mit China Forbes bewegt sich eine charismatische Sängerin auf der Bühne. Mal singt sie wie eine unschuldige Lolita, mal rauchig-verrucht, aber meist wirkt sie ansteckend fröhlich. Am Ende breitet sie weit die Arme aus, als wolle sie alle umarmen und singt „Amado Mio“ und „Brasil“. Auf dem Heimweg in dieser warmen Halbmondnacht klingen die Töne noch lange nach. Thomas Staiber
~ Thomas Staiber
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