Artikel geschrieben am: 23.11.10
Ein fünfjähriger Konzertbesucher stürmte vor ein paar Monaten im Innenhof des Alten Waisenhauses auf die Bühne zu, um diese unerhörten Klänge hautnah zu erleben. Neun Blechbläser und zwei Trommler spielten da mit einer derartigen Wucht und strahlten soviel positive Energie aus, dass der kleine Junge atemlos lauschte und sofort beschloss, Trompeter zu werden. Seine Eltern bat er nach dem Konzert, einen Tonträger zu erstehen: „Bistra Reka“, die neue CD des Boban Markovic Orkestar aus Vladicin Han, Südserbien. Der coole Miles Davis nach einem Konzertbesuch auf dem Balkan: „Ich hätte nie gedacht, dass man so Trompete spielen kann.“ Markovic spielt mit der alten Tradition der Roma-Musikanten, bläst osmanisch angehaucht den Marsch - gestochen-scharf, archaisch-kraftvoll - und groovt wie eine Diesellok. Seither hört der kleine Junge diese Musik: daheim, im Auto, überall. So oft wie möglich. Seinem Vater hängt sie noch nicht einmal zum Hals heraus. Im Gegenteil: Er empfiehlt sie den Lesern dieses Blatts. Thomas Staiber
Tilman Jäger – tape 4: „Abendlieder“ SDP 1043-1
Der Böblinger Jazzpianist Tilman Jäger hat eine bemerkenswerte CD mit dem Titel „Abendlieder“ vorgelegt. „Guten Abend, gut’ Nacht“ von Brahms findet sich darauf, das viele Kinder von Spieluhren kennen, aus dem 16. Jahrhundert „Die Nacht ist kommen“ im ungewöhnlichen 9/4 Takt oder von 1790 „Der Mond ist aufgegangen“. Dazu hat Jäger Choräle wie „Jesu meine Freude“ oder „Gott ist gegenwärtig“ für ein Jazzquartett arrangiert. Das ist mit dem wunderbar inspiriert spielenden Holzbläser Ekkehard Rössle, dem Tübinger Kontrabassisten Paul Müller und dem sensibel-kraftvollen Drummer Andi Witte bestens besetzt.
Bei diesem Projekt von Jägers „tape 4“ ist das Kunststück gelungen, die melodischen Schönheiten der Lieder mit der Frische und der Dynamik des heutigen Jazz in Einklang zu bringen. Die Sehnsucht der Menschen nach Ruhe, Geborgenheit und Harmonie ist in Zeiten von Stress, Angst und Aggression oft schwer zu erfüllen. Mit den Mitteln des modernen Jazz lassen sich solche Widersprüche erfassen. Thomas Staiber
Enders Room – Monolith (ENJ-9433 2)
Ja, liegt denn Seattle in Bayern?! Südlich von München ist weilheim, ein Dorf, dem durch Bands wie Notwist, Mars Mobil und Tied & Tickled Trio globale Aufmerksamkeit zuteil wurde. Alle drei Combos haben auf der Suche nach intelligenten Sounds das gewisse Etwas gefunden und stets den selben Saxofonisten: Johannes Enders, 35.
Bei seinem neuen Projekt aus dem bayrischen Elektrodschungel fungiert er nicht bloß als ausgezeichneter Holzbläser, sondern bedient auch Tasteninstrumente wie das Roland CR 78, das gute alte Fenedr Rhodes oder den Synthesizer von Oberheim. Mit einer Reihe formidabler Gastmusiker – darunter die Sängerin Rebekka Bakken und ihr Freund, der Gitarrist Wolfgang Muthspiel – hat Enders ein brodelndes Elektrogebräu mit viel Feeling gemixt.
Wie das klingt? Als ob Björk und Steve Reich Chill-Out-Tunes aufgenommen hätten, hübsch mit Weather-Report-Samples versetzt. Oder so ähnlich.
~ Thomas Staiber
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