Artikel geschrieben am: 21.07.10

--- (Datei: Crawford, Randy + Sanborn, David 21.7.2010)

1. Randy Crawford mit Joe Sample Trio
2. David Sanborn Trio
Jazzopen 2010, 21.7.2010, Mercedes-Arena
Randy Crawford und Joe Sample sind seit Jahrzehnten ein Liebespaar. Nicht im wirklichen Leben. In der Musik. „Die leichteste Form der Existenz ist in der Kunst“, hat schon Bert Brecht gewusst. Bei fast allen Plattenaufnahmen der Soul-Lady hat Sample in die Tasten gegriffen. „Gee Baby Ain’t I Good To You“ spielt Joe mit seinem Trio allein für Randy. Es ist ein 16-taktiger Blues, bei dem ein Mann seinem treuen „Baby“ aus lauter Liebe teure Sachen schenkt. Samples Klavierspiel ist entschieden zärtlich. Dazu erklingt der warm tönende Kontrabass von Reggie Sullivan und die Schlagzeugarbeit von Moyes Lucas, der mit den Besen den Mid-Tempo-Rhythmus herauskehrt. Und schon betritt „das Baby“ die Bühne. Eine strahlende Frau, die sogleich ihrem „Darling“ die richtige Antwort gibt. Sie singt „Happiness Is A Thing Called Joe“. Der dankt es ihr mit beherzten Klavierspiel, von dem sich ihre kraftvolle warme Soul-Stimme tragen lässt wie ein Surfer von einer großen Welle. Mit kindlicher Freude erzählt sie, dass sie ein Mercedes-Cabrio ihr Eigen nenne und sich sehr freue, in der Open-Air-Arena dieser schwäbischen Weltmarke aufzutreten. Sie habe schon T-Shirts für die ganze Familie besorgt. Sie singt, wie gut sie sich fühle und lässt ihre Stimme wie einen Vogel hoch in die Lüfte fliegen. „High Like A Bird“. Mit dem melancholisch angehauchten „Rainy Night In Georgia“ erinnert sie an ihre Heimat. Gerade da fällt ein kleiner Sommerregen in die Arena. Ein hübscher Moment. Randy Crawford setzt sich in die Zuschauerränge und singt weiter. Das Publikum, längst angesteckt von der Lebensfreude der dicken Dame, klatscht mit. Erfreulicherweise auf die Zwei und die Vier. Mit gutturalem Lachen beendet sie die Songs und lässt den schönen „Rio De Janeiro Blues“ folgen – Wohlfühlmusik, aber kein bisschen oberflächlich. Natürlich bringt sie zum Schluss den großen Party-Hit, den sie den Crusaders und deren Chef Joe Sample beschert hat: Street Life. Alle stehen auf und singen den Refrain mit.
     Der eine macht den Rhythmus, der andere sorgt für Bindung, und der Dritte zeigt sich voller Hingabe. Steve Gadd gehört zur Handvoll der weltbesten Schlagzeuger, Joey de Francesco spielt die Hammond-Orgel B3 so süffig und sehnsüchtig wie kein anderer, und David Sanborn ist einer der begehrtesten Saxophonisten überhaupt. Die Liste der Projekte, bei denen die Drei mitgewirkt haben, liest sich wie ein Who Is Who des Jazz und des Pop. Allein Gadd hat bei über 750 CDs die Trommel gerührt! Dieses dynamische Weltklassetrio begeistert das Publikum in der seit langem ausverkauften Open-Air-Arena, über der sich die schimmernde Doppelhelix des Mercedes-Museums fünfzig Meter in den Himmel wuchtet. Darunter im violetten und hellblauen Licht der Scheinwerfer rollt de Francesco seine samtenen Klangteppiche aus und markiert mit den Füßen die Basslinien. Mit den Händen lässt er seine B 3 glücklich seufzen und stöhnen. Später wird er einen Blues singen und sogar die gestopfte Trompete spielen. Steve Gadds spielt präzise wie ein Uhrwerk, seine Grooves klingen knackig und stringent. Kein Wunder, dass alle Drummer so spielen möchten wie er. „Er ist der Boss“, sagte Jürgen Schlensog bei seiner Ansage. David Sanborn spielt so eindringlich Saxophon, dass man nicht weghören kann. Gäbe es eine Holzbläserolympiade, Sanborn wäre ein Medaillenanwärter. Höher, schneller, weiter als er kann’s kaum ein anderer. Doch ist sein Spiel nicht egozentrischer Selbstzweck, er ist ein Team Player. Wie mit einem Tauchsieder heizt er die Klangräume auf – inspiriert von der beseelten Musik Ray Charles' und dessen R & B-Saxophonisten Hank Crawford aus Memphis, Tennessee. Wie gemalt passt in diesen Kontext der „Basin Street Blues“ aus Storyville, dem Vergnügungsviertel von New Orleans. Träge und mächtig fließt die Musik dahin wie der Mississippi selbst. Bei einer anderen langsamen Nummer, die Sanborn, 65, für sein erstes Enkelkind Geneviève komponiert hat, zeigt sich dessen Qualität als Balladenspieler. Dieser Jazz, der das Publikum so begeistert, scheint von heraus zu leuchten wie glückliche Menschen. So wie Randy Crawford im ersten Konzert dieser Festivalnacht. Thomas Staiber


 

~ Thomas Staiber

Deko Füller
Familienbild