Artikel geschrieben am: 19.03.07
Roger Cicero, 19. 3. 2007, Hegelsaal
Ein Hütchen hat er auf wie einst Thelonius Monk, ein Unterlippenbärtchen trägt er wie Dizzy Gillespie, einen schimmernden Tuxedo wie Benny Goodman. Der junge Mann steht offenbar auf Retro-Look und Jazz. Sehen so Sieger aus?
Swing- und Blues-Sänger Roger Cicero hat, wie man weiß, am Internationalen Frauentag mit dem charmant-ironischen Lied „Frauen regier’n die Welt“ die drei Mädels von Monrose und Herrn Kunze ausgestochen und darf jetzt beim Schlager-Grand-Prix für Deutschland singen. Frei nach Robbie Williams: „Swing When You’re Winning!“
Cicero aber singt Deutsch und das geht so: „Ich bin ein Meister, ein Sieger, die oberste Liga.“ Mit Berliner Akzent gehen dem 36-jährigen Vokalisten solche Reime locker über die Lippen. „Ein Sänger, ein Lover, der Typ auf’m Cover, ein Helfer, ein Heiler, im Grunde ein Geiler.“ Und was kriegt so einer zu hören? „Zieh die Schuh aus, bring den Müll raus, geh nicht spät aus!“
Über solche „Männersachen“, Beziehungskisten und Kompromisse („Du wolltest ihn, er wollte nicht, jetzt hast du mich“) freuen sich Männlein und Weiblein. Und Cicero surft mit breitem Grinsen auf der mächtigen Bigbandwelle, die durch den Klangraum rollt. Elf Bigbandprofis mit Schiebermützen so um die dreißig sorgen für elastischen Swing und packenden Groove. Der Rhythmus läuft wie ein geschmierter Motor, die Saxophone raspeln Süßholz, das Blech schmettert, und Roger Cicero singt und schnipst lässig mit den Fingern. Am besten entfaltet sich seine Stimme, wenn ihr genug Raum bleibt. Bei bluesigen Balladen etwa wie „Ich atme ein“.
Und doch. Selbst diese eher leicht verdauliche Variante des Jazz polarisiert. Natürlich nicht im Hegelsaal. Denn da herrscht Freude pur, es wird geklatscht und mitgesungen wie bei einem Pop-Konzert. Aber viele „draußen im Land“ können mit dieser Musik (Matthias Hass) nichts anfangen, vielen sagen die glänzenden Reime (Frank Ramond) nicht viel.
Wie das europäische Fernsehpublikum auf Roger Cicero und den Bigband-Sound „Made In Germany“ reagieren wird bleibt offen. Erfrischend lebendig ist dieser handgemachte, mundgeblasene Swing im musikalischen Design-Zeitalter allemal. Und Roger (französisch auszusprechen), akademisch gebildeter Sohn von Piano-Papa Eugen Cicero, macht mit dem aktuellen Medien-Hype und den überraschenden Erfolgen in den Charts Türen zum Jazz auf. (In Stuttgart beispielsweise sind Cicero-Fans die mitreißenden Live-Konzerte der Bobby-Burgess-Big-Band wärmstens zu empfehlen.) Jedenfalls passt sein lässiger Auftritt gut ins neue deutsche Bild, das seit der Fußball-WM viele erstaunt. Es scheint, als eröffne der gute alte Swing hierzulande eine Möglichkeit für frische Lebensgefühle. Thomas Staiber
~ Thomas Staiber
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