Artikel geschrieben am: 24.05.01

Bob Dylan

Acht Jahre war Bob Dylan völlig von der Bildfläche verschwunden. 1966 hatte er sich mit seiner 500er Triumph überschlagen. Danach las man: Bob Dylan nach Motorradunfall gehörlos, schwachsinnig, tot. Am 2. Dezember 1974 war seine komplette US-Tour (40 Konzerte, 21 Städte) innerhalb einer Stunde ausverkauft, von 5 Millionen Kartenwünschen konnten nur zehn Prozent erfüllt werden. Dylan, „nach John F. Kennedy die markanteste Persönlichkeit unserer Zeit“ (New York Times), war zurückgekehrt. Triumphal. Die Konzertbesucher huldigten ihm nach einer mitreißenden Dreistunden-Show wie einer Kultfigur, einer Pop-Ikone.

Tatsächlich gab es in der populären Musik – die Beatles ausgenommen – niemanden, der es mit dem Charisma Dylans hätte aufnehmen können. Auf keinen anderen wurden kollektive Mythen derart projiziert wie auf ihn. In der Laudatio zur Ehrendoktorverleihung der Universität Princeton hieß es 1970, Dylans Musik sei „der authentische Ausdruck des Selbstverständnisses von Amerikas unruhiger junger Generation“. Die junge Generation der ganzen Welt sah in ihm, dem „Gammler-Poet und Protestler“ (Musik Aktuell, 1966), dem „Wuschelkopf mit dem Pokerface“ eine Leitfigur. Als sei Arthur Rimbaud als Rocksänger wieder auf die Welt gekommen.

Die Sprengkraft von Dylans Protest, der satirische Entlarvungsdrive seiner Songtexte, aber auch seine zu Herzen gehende Poesie von Lust und Leid faszinierte Menschen in San Francisco, Stuttgart oder Tokyo. Dazu diese unverwechselbare Gesangsdiktion Dylans, mit der er seine scharfen Lieder spöttisch und cool ins Mikro nuschelte, und sein eindringlicher Mundharmonika-Sound, der so in den Gehörgängen schrillte, dass man die Lautstärke herunterfahren musste.

Dylans Platten wurden von den meisten, wie man in Holland sagt, „grau“ gespielt. Denn wenn die Texte nicht vorlagen, musste man sie immer wieder hören, um möglichst viel zu verstehen. Wohl auch zur Freude von Englischlehrern, die sich über die idiomatische Kompetenz mancher Schüler staunten.

Leicht gemacht wurde uns das Hören durch die Musik, die seine scharfen Texte transportierte: akustische Folk-Music, ein wenig Rockabilly, süffiger Country-Rock. Und durch die Ritzen drang immer der Blues. Erdig, direkt wehmütig. Dylan, der sich als Zehnjähriger bei Straßensängern das Gitarrespielen beigebracht hatte, Dylan, der Hobo, der Tramp, sang ihn (und singt ihn heute noch) ganz und gar unnachahmlich. 1961 für zwei Dollar in dunklen Spelunken, drei Jahre später für vier Millionen im Jahr. „Ich nähe“, sagte er auf den plötzlichen Reichtum angesprochen, „75 Millionen in meinen ältesten Anzug, wandere aus und kaufe Australien.“

Davon, dass er berühmter werden wollte als Elvis, sagte er nichts. Dafür bastelte er umso eifriger an seiner eigenen Legende. Ein Waisenkind aus Oklahoma sei er, seine Verwandten seien notorische Spieler in Las Vegas, darunter ein professioneller Dieb. Ein anderes Mal stammte er aus Gallup, New Mexico, sein einziger Verwandter ein uralter Sioux. Woodie Guthrie habe er schon als Junge getroffen und Big Joe Williams, ein bekannter schwarzer Musiker, habe ihm persönlich den Blues beigebracht. Auf dem umstrittenen Doppelalbum „Self Portait“ nennt er sich als Komponist von „It Hurts Me Too“, ein Song, den 30 Jahre zuvor Elmor James geschrieben hatte.

Dylans spielerisch-manipulativer Umgang mit Menschen und Medien erinnert an Warhol, den reichen Underground-Künstler. Beide wussten am Ende nicht mehr so recht, was Wirklichkeit war und was sie erfunden hatten.

Robert Allan Zimmermann ist als Sohn eines jüdischen Möbelhändlers in Minnesota aufgewachsen. Nach seinem Lieblingsdichter Dylan Thomas aus Wales nannte er sich Bob Dylan. Die Lieder des zornigen jungen Mannes („Blowin‘ in the Wind“, „A Hard Rain’s Gonna Fall“, „Masters of War“, „Like A Rolling Stone“, „The Times They Are A-Changin‘“, „It Ain’t Me Babe“, „Mr. Tambourine Man“, „All Along The Watchtower“, „It’s All Over Now Baby Blue“ oder „Subterranean Homesick Blues“) machten ihn binnen kurzem zum Weltstar, der der Rockmusik zu intellektueller Anerkennung verhalf. Doch zu den Triumphen gesellten sich Flops, lustlose Konzertauftritte und die Bekehrung zum christlichen Fundamentalisten. Dylan liefen die ratlosen Fans scharenweise davon. Doch der „Shakespeare in Kroko-Slippern“ (Spiegel) bewältigte seine Krisen, schaute nach vorn, nahm vielgelobte CDs wie „Desire“, „Oh Mercy“ oder „Time Out Of Mind“ und faszinierte auf ausgedehnten Tourneen mit immer neuen Interpretationen seiner legendären Songs.

„Dont Look Back“ hieß 1967 ein Dokumentar- und Konzertfilm über Dylan, den D. A. Pennebaker gedreht hat. Morgen nun wird der erste Poet von Weltrang, der seine Lyrik in Plattenläden verbreitet hat, sechzig Jahre alt und als Nobelpreisträger für Literatur gehandelt. Die Schaufenster der 2001-Plattenläden sind anlässlich des runden Geburtstages mit Dylan-CDs dekoriert, 13,95DM das Stück. Wird da nun ein Mythos der Pop-Kultur gefeiert oder ein aus der Mode Gekommener noch einmal hochgejazzt und verramscht? Zur Salzsäule wird man wohl nicht erstarren, wenn man die Aufforderung „Don’t Look Back“ missachtet und zurückschaut.

Ins Gesichtsfeld rückt da eine Ikone der Gegenkultur, ein Star der Pop-Musik, ohne den die zweite Hälfte des 20. Jahrhunderts wesentlich ärmer wäre. Aber kein Heiligenbild ist da zu sehen, eher ein abgefärbtes Polaroid mit Rissen und Sprüngen, das vor langer Zeit mit einem Reißnagel an eine Wand geheftet wurde. Manchmal erscheint uns dieser „Song and Dance Man“ (Dylan über Dylan), der das gesungen hat, was wir nicht sagen konnten, nah wie ein Vertrauter, dem wir viele starke Momente verdanken, dann wieder fremd wie ein Stern.

~ Thomas Staiber

Deko Füller
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