Artikel geschrieben am: 01.01.70
--- (Datei: Charles+Basie 06)
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Ray Charles sings, Count Basie swings,
Concord Records 2006
Kann eine Grabesstimme demnächst mit einem Grammy ausgezeichnet werden? Nein, nach den Statuten des Grammy Awards eigentlich nicht. Doch die Stimme gehört Soul-Titan Ray Charles, der in den siebziger Jahren des 20. Jahrhunderts den glanzvollen Höhepunkt seiner künstlerischen Karriere erklommen hatte. Eine Stimme, die unvergleichlich sinnlich, kraftvoll und unangestrengt klingt. Das Preiskomitee hat ein Problem, und die neue Aufnahme mit der dreißig Jahre alten Stimme klettert unaufhörlich in den Charts.
Nach einer Fusion von Plattenfirmen wurden vor kurzem Tonbänder aus dem Besitz von Norman Granz gefunden, die Konzertmitschnitte einer Deutschlandtournee von Ray Charles enthielten. Wunderbare Aufnahmen. Firmenchef John Burk beauftragte Gregg Field, die Vokalaufnahmen von Charles mit neu geschriebenen Arrangements der Count-Basie-Bigband zu verbinden. Field, das Bindeglied, denn der hatte sowohl bei Charles, der vor zwei Jahren starb, als auch bei Basie, der schon vor 22 Jahren das Zeitliche segnete, das Schlagzeug bedient.
Mit den technischen Mitteln des 21. Jahrhunderts ist nun eine CD produziert worden, die selbst geübte Ohren täuscht: Sie klingt wirklich so, als ob sie Ray Charles zusammen mit dem Jazzorchester von Count Basie eingespielt hätte.
Die bekannten Nummern (Crying Time, Busted, I Can’t Stop Loving You, Georgia usw.) wurden nicht - wie damals oft geschehen - mit den rosaroten Klangfarben von Streichern oder vom Synthesizer versüßt, sie klingen jetzt ganz frisch, knackig und makellos. Arrangiert vom legendären Quincy Jones. Da schmettert der Bläsersatz, schmelzen die Saxophonklänge und acht (!) Raelettes singen im Hintergrund funky und mit viel Soul. Über allem strahlt die Stimme von Ray Charles in ihrer ganzen Blüte.
Man mag einwenden, dass sich hier ein nekrophiler Marktplatz auftut, wo die Stimmen Verblichener feil geboten werden. Die Liste reicht von Nat King Cole bis Kurt Cobain, von Elvis bis Tupac. Möglich macht’s eine Studiosoftware namens Pro Tools. Dennoch: Die neue CD „Ray Charles sings, Count Basie swings” finden viele Soul- und Jazzfreunde einfach umwerfend. Das Preiskomitee der bevorstehenden Grammy Awards hat tatsächlich ein Problem. Thomas Staiber
~ Thomas Staiber