Artikel geschrieben am: 25.02.03
Tracy Chapman, Let It Rain-Tour, 25. 02. 2003 Beethovensaal
Die Combo bewegt sich wie in Zeitlupe, spielt punktgenau, reduziert, geschmackvoll und sehr entspannt. Sie gibt Tracy Chapman Tiefe und Geborgenheit – ein gutes musikalisches Milieu, in dem ihre Stimme aufblüht. Warm, dunkel und samten. Das ist ein Seelenöffner.
Wo einen Ängste umtreiben, wo Hoffnungen ruhen, Sehnsüchte keimen – da wird sie fündig.. Man kann das zynisch als „Gutmenschentum“ abtun, würde damit aber die humane Dimension, die diese Lieder ausmacht, abschneiden wie Chaplin Kleidungsstücke, die beim Packen über den Kofferrand hinaushingen. Das phantastisch mitgehende Publikum im seit Wochen ausverkauften Beethovensaal jedenfalls erkennt sich in den Songs wieder, die sich natürlich um Liebe, Lust und Leid drehen.
Doch im Privaten bleibt Chapman nicht stecken. Sie thematisiert die globale Zerstörung der Natur, die Oberflächlichkeit der Warenwelt, den drohenden Krieg: „The Rape Of The World“. Scheinbar den Zeitgeist gegen den Strich bürstend, singt die erste bedeutende Protestsängerin dunkler Hautfarbe dem zuvor negativ Bestimmten die Utopie einer gerechten, liebevollen und friedlichen Welt entgegen zu singen. “Heaven’s Here On Earth“. In solchen Momenten verlässt sie ihre introvertierte Haltung, sie intoniert Bob Marleys „Stand Up“ und bringt „Talking Bout A Revolution“, ihr bekanntes Protestlied, das sie 1988, als noch keine Silberfäden ihre Dreadlocks durchzogen, vor 100000 Menschen im Londoner Wembley-Stadion und einem Millionen-TV-Publikum anlässlich Nelson Mandelas 70. Geburtstag vortrug. Aber keineswegs als die peinliche Politpredigerin mit Wandergitarre und leninistischem Schlag!
Chapmans Musik verströmt Wärme, ist vom Blues geerdet, von Soul getränkt und mit Finesse arrangiert. Getragen wird sie von dieser ganz unverwechselbaren Stimme, die manchen von fern an Joan Armatrading, manchen an Marianne Faithfull erinnert. Während die Texte der 38-Jährigen aus Cleveland, Ohio, zum Nachdenken anregen, zielt ihre melodisch-rhythmische Musik mitten ins Wohlfühlzentrum, animiert zum Tanzen. „Give Me One Reason“, das sie 1997 bei einer Grammy-Verleihung (mit Bluesveteran Junior Wells an der Mundharmonika) präsentierte, ist das beste Beispiel. Was könnte das Geheimnis dieses riesigen Erfolges – 35 Millionen CDs und nahezu immer ausverkaufte Tourneen – sein?
Glaubwürdig und aufrichtig verbindet Tracy Chapman ihre unabhängige Haltung, die kritische Schärfe ihrer geschliffenen Lyrik, mit dem festen Glauben an das Humane, mit der sinnlichen Lebensfreude der Liebe, eingetaucht in die Schönheiten populärer Musik. Tracy Chapman verkörpert ein Amerika - das machen die zwei Konzertstunden ihrer Let It Rain-Tour auch klar - das sich diametral von dem der Herren Rumsfield und Bush unterscheidet. Thomas Staiber. .
~ Thomas Staiber
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