Artikel geschrieben am: 24.11.09

--- (Datei: Carla Bley 2009 German Jazz Trophy)

German Jazz Trophy 2009, Preisträgerkonzert: Carla Bley & The Lost Chords, 24.11.2009, Gustav-Siegle-Haus
Gestern wurde im ausverkauften Stuttgarter Gustav-Siegle-Haus zum neunten Mal die German Jazz Trophy verliehen. Zum ersten Mal ging der Preis an eine Frau: an die große Jazzmusikerin Carla Bley. Für den erkrankten Erwin Lehn, den liebenswürdigen Doyen des deutschen Bigbandjazz, der als erster die German Jazz Trophy für sein Lebenswerk erhalten hatte, überreichte Stuttgarts Jazzstar Wolfgang Dauner den Preis in Form einer farbigen Kleinplastik der 71-jährigen Carla Bley. Die große, ganz in Schwarz gekleidete Frau verhielt sich dabei fast wie ein schüchternes Mädchen, das viel lieber in seinem Zimmer wäre als auf der Bühne eines großen, ausverkauften Konzertsaals mit einem erwartungsvoll schauenden Publikum. So im Rampenlicht zu stehen schien ihr gegen den Strich zu gehen, obwohl sie sich in den Jahrzehnten als Musikerin eigentlich daran gewöhnt haben sollte. Vielleicht verbarg sich hinter dieser etwas sperrigen Haltung auch eine gewisse Koketterie. Jedenfalls waren ihre knappen Antworten nicht ohne eine spöttische Note. Das schwäbische Publikum brachte die Jazzlady damit zum Lachen, besonders als sie von einer köstlichen Flädlesuppe erzählte, die sie vor dem Preisträgerkonzert gegessen hatte. SWR-Moderator Markus Brock führte gewohnt charmant und souverän durch das Programm und kündigte Thomas Renner, den Chef der Sparda-Bank an. Ob Carla Bley dessen geistreicher, unterhaltsamer auf Deutsch gehaltener Rede folgen konnte, blieb offen. Renner, selbst ein guter Klavierspieler, unterstrich die Bedeutung und Förderungswürdigkeit von Kultur, gerade auch in klammen Zeiten. Damit erntete er natürlich großen Applaus. Ihm folgte Götz Bahmann von der Kulturgesellschaft Musik und Wort, ein anderer Auslober der German Jazz Trophy. Andreas Kilb, der Dritte im Bunde, war verhindert, sodass Brock dessen Laudatio verlesen musste.
Darin wurde Carla Bley als herausragende und unorthodoxe Jazzkomponistin, Arrangeurin und Pianistin gewürdigt, die dem modernen Jazz ein ums andere Mal auf die Sprünge geholfen habe. Man erfuhr, dass sie ein ziemlich wildes Mädchen war, das dem strengen Regiment ihres Vaters, eines Kirchenmusikers, im zarten Alter von fünfzehn Jahren entfloh, um Profirollerskaterin zu werden. Auf dem Weg von Kalifornien in den Osten der USA schlug sie sich als Bedienung durch und kam in Berührung mit dem Jazz. Als Zigarrettenverkäuferin im legendären Birdland heiratete sie der kanadische Jazzpianist Paul Bley vom Fleck weg. Heute sagt Carla Bley, dass sie nicht an Akademien durch Lehrer dem Jazz näher gebracht worden sei, sondern durch eigenes neugieriges Zuhören. Natürlich hatte sie eine große Begabung mitgebracht. Zunächst sprach der rebellischen jungen Frau die Wildheit des freien Jazz aus dem Herzen, und sie begann zu komponieren. Zunächst kleinere Nummern für den Herrn Gemahl und dessen Combo, dann aber breit angelegte Kompositionen für sich selbst. Damit sollte sie Jazzgeschichte schreiben. Ihre Jazzoper „Escalator Over The Hill“ für sechs Bands, zahlreiche Sänger und Sprecher ist ein berühmt gewordenes Werk, an dem sie jahrelang schrieb und das sie auf der Szene ganz nach vorne katapultierte. Uraufgeführt wurde es übrigens in Deutschland. Sie spielte mit Charlie Haden im Liberation Music Orchestra oder mit Don Cherry und vielen anderen Jazzstars, in Deutschland etwa mit Peter Brötzmann. Im Jazz Composer Orchestra, einer anderen Großformation, lernte sie ihren nächsten Mann kennen, den Trompeter Mike Mantler aus Wien, mit dem sie eine Tochter hat; Karen Mantler hat mit diesen genetischen Voraussetzungen sich natürlich auch dem Jazz zugewandt. Carla Bley trat auch in der Gruppe von Jack Bruce auf, der ja einige Zeit in Esslingen gelebt hat, und widmete sich dann wieder verschiedenen orchestralen Projekten. Bei der Aufzählung der wichtigsten Bigbands der Jazzgeschichte fehlt ihr Name nirgends.
Die Kompositionen von Carla Bley bewegen sich im Kraftfeld von Schönklang und Reibung, von gefühlvoller Zartheit und wilder Eruption. Sie zu kategorisieren fällt schwer, da Carla Bley das Unerwartete liebt, Brüche, aus denen überraschend schöne Melodien aufblühen.
Wie spannend das klingt bewies sie mit ihrem Quartett The Lost Chords, also den „Verlorengegangenen Akkorden“, in einem faszinierenden Konzert. Carla Bley, die einen vom Unwesentlichen entschlackten Jazz liebt, spielt mit ihren knochigen Händen eine kleine kindlich anmutende Melodie. Mit warmen Tönen begleitet sie Steve Swallow - ihr Partner auch im Leben - auf seinem fünfsaitigen E-Bass. Bill Drummond am Schlagzeug skizziert auf den metallisch klingenden Becken einen sehr schlanken Rhythmus mit blitzenden Akzenten. Der britische Holzbläser Andy Sheppard hat auf dem Sopran- und dem Tenorsaxophon einen wunderbaren Ton. Mit geschmeidig fließenden Improvisationen begeistert er das Publikum. Carla Bley steuert vom Klavierstuhl aus die musikalischen Abläufe. Immer wieder überrascht sie mit unerwarteten Stimmungswechseln. Einem weich und warm klingenden Weihnachtslied folgt eine tänzerische Latinnummer, auf ein quicklebendiges Bebop-Medley eine zu Herzen gehende Ballade. Diesem abwechslungsreichen Jazzkonzert der großartigen Carla Bley und ihrer Band folgen die Menschen höchst konzentriert und klatschen am Ende so laut sie können. Thomas Staiber







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Carla Bley, eine hagere, besenblonde Frau, steht in Schwarz gekleidet auf der Bühne des Gustav-Siegle-Hauses, um aus den Händen von Wolfgang Dauner die German Jazz Trophy 2009 in Form einer farbenfrohen Kleinplastik von O. H. Hajek entgegenzunehmen. Und doch wäre sie am liebsten an einem anderen Ort, nämlich zuhause.
Ist die 71-jährige Komponistin, Arrangeurin und Band-Chefin schüchtern oder unangepasst? Auf jeden Fall würzt sie alle ihrer knappen Bemerkungen mit einer Messerspitze Ironie. Und gewinnt damit das schwäbische Publikum im vollen Saal. Groß ist die Freude, als die Dame von einer „delicious Flädle-Soup“ schwärmt. Unter ihren blonden Fransen blitzen lustige Augen hervor, sonst verzieht sie keine Miene. Dann begibt sie sich dahin, wo sie sich - außer daheim - am wohlsten fühlt: Sie setzt sich an den Flügel und bittet ihre Band Lost Chords auf die Bühne. Jetzt ist sie in ihrem Element.
Aus „Three Blind Mice“ - einem Lied, das in den USA jedes Kind kennt – hat sie eine dreiteilige Jazzkomposition gemacht. In einem faszinierenden Wechselspiel von trotziger Verweigerung und gefühlvoller Zartheit, von sperriger Avantgarde und Wohlklang vollzieht sich ihre eigenwillige Improvisationsmusik. Carla Bley spielt Klavier wie vor der große Thelonius Monk, dessen „Misterioso“ sie für das Preisträgerkonzert arrangiert hat: sich stets auf das Nötige beschränkend. Mit knochigen Händen tastet sie sich in die Improvisation hinein, ihr Spiel klingt löchrig, spannend, und es ist vollkommen stringent. Carla Bley ist keine Virtuosin der 88 Tasten, sie ist eine Virtuosin des Strukturierens. Sie steuert musikalische Prozess und entfrachtet die Musik von allem Firlefanz, um das Wesen kenntlich zu machen. Im Nu scheinen bei den Zuhörern Alltagssorgen und Tagesreste keine Rolle mehr zu spielen, so konzentriert folgen sie jedem Ton dieser höchst abwechslungsreichen Jazzmusik. Das Quartett funktioniert wie ein Ganzes, aus dem heraus sich der Einzelne solistisch verwirklichen kann. Drummer Bill Drummond skizziert den Rhythmus mit sparsamen Akzenten, meist auf den gehämmerten Bronzescheiben der Becken. Völlig versunken in die musikalischen Abläufe ist Steve Swallow, der Lebensgefährte von Carla Bley, mit seinem wunderbar melodisch und warm gespielten fünfsaitigen E-Bass. Und welche Intensität und Schönheit der britische Saxophonist Andy Sheppard unter weit geschwungenen Spannungsbögen entfaltet, fasziniert und geht zu Herzen. Carla Bley bevorzugt heute konkrete Klangbilder und das, was die Jazzer „Changes“ nennen, sie liebt besonders das Spiel mit überraschenden abrupten Stimmungswechseln. Während sie – im Unterschied zu Keith Jarrett – stumm ihre Lippen bewegt, springt sie von einer Bluesphrase unvermittelt zu einem sich langsam drehenden Walzer in Moll, von da mitten hinein in eine lebenslustige Latinnummer – Langeweile kommt nie auf. Begeisterter Applaus für ein außergewöhnliches, für ein ganz großartiges Jazzkonzert.
Thomas Staiber

Informationen:
Erwin Lehn, der liebenswürdige Doyen des deutschen Bigbandjazz, war erkrankt. Für ihn überreichte Wolfgang Dauner, auch er Preisträger der German Jazz Trophy, die Kleinplastik von O. H. Hajek. Der Preis wurde zum 9. Mal verliehen, 2009 zum ersten Mal an eine Frau. Ausgelobt wird er von der Sparda-Bank, der Kulturgesellschaft Wort und Musik und von der Jazzzeitung. Markus Brock moderierte souverän und charmant, Sparda-Chef Thomas Renner hielt eine unterhaltsame Rede über die Preisträgerin, aber auch über Kulturförderung in klammen Zeiten.



 

~ Thomas Staiber

Deko Füller
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