Artikel geschrieben am: 10.10.98
„Ich bin die Ruhe zwischen zweien Tönen./.../ Aber im dunklen Intervall versöhnen / sich beide zitternd / und das Lied bleibt schön.“ Es ist sonnenklar, daß Joachim-Ernst Berendt, dem die Welt als Klang erscheint, von solchen Ver-sen fasziniert sein muß. Rilke, dieser wohl neben Hölderlin größte deutsche Lyriker, hat formuliert, was für den einstigen „Jazzpapst“ zum späten Motto wurde: „und bräche nicht aus allen seinen Rändern / aus wie ein Stern: denn da ist keine Stelle, / die dich nicht sieht. Du mußt dein Leben ändern.“ Das Ausbrechen der künstlerischen Form aus der materiellen Gestalt ist für die Moderne, also auch für den Jazz, der ja Musik unseres Jahrhunderts ist, ein wesentlicher Vorgang. Und auch die Aufgabe, im Einzelnen, im Verstreuten dem Geheimnis des Ganzen nachzuspüren.
Rilkes lyrisches Sprechen, ein Widerspiel von Anschaulichkeit und Idee, von Bildhaftigkeit und Abstraktion, nähert sich in Klang und Rhythmus der Musik selbst. „Gesang ist Dasein“ heißt es in den „Sonetten an Orpheus“. Kein Wunder, daß Berendt, dessen Leben in Berlin begann als Rilke seines hoch über dem Rhône-Tal bald qualvoll aushauchte, von solchen Welt-Wort-Musik-Bezügen erfüllt ist. Aber auch von der Lebens-Intensität Rilkes, der sich auf Anraten von Lou Andreas-Salomé, seiner Geliebten, Rainer Maria nannte. „Ich möchte einer werden so wie die, / die durch die Nacht mit wilden Pferden fahren.“ Nie ein anständiger Beruf, ausgehalten von Gönnerinnen, wie ein Trou-badour durch Europa ziehend, eine Vielzahl von Liebschaften durchlebend, von der lebens-langen Liebe zu einer verheirateten Frau ge-prägt, fast alle seiner Meisterwerke in einer literaturgeschichtlich einmaligen Inspirations-phase von bloß drei Wochen niederschreibend.
Am Sonntag, den 11. Oktober um 19h30, liest Berendt im Theaterhaus Texte von Rilke. Der Pianist Vladislav Sendecki spielt dazu – untermalend und sich in die Spiritualität der Verse versenkend- Werke von Bach, Mozart, Schubert, Schönberg. Anklänge aus der Gre-gorianik und freie Improvisationen werden die Rezitation überlagern und weiterführen. Das Programm trägt den Titel „Seelenlandschaften“.
~ Thomas Staiber
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