Artikel geschrieben am: 10.09.10
Lamentations. Music by Uri Caine. Wagenhallen, 10. 9. 2010
Welten prallen aufeinander, musikalische Energie wird frei. Doch das Besinnen auf den Ursprung macht die Unterschiede kleiner. Gemeinsamkeit heißt es am Ziel. Der renommierte Jazzkomponist Uri Caine aus den USA, der in einer orthodox-jüdischen Familie aufgewachsen ist, wurde von der Bachakademie beauftragt, Klagelieder aus dem Alten Testament zu vertonen. Die Uraufführung fand nun in den luftigen Wagenhallen am Stuttgarter Nordbahnhof statt.
Zweiundzwanzig ist die Schlüsselzahl der Komposition. Wie ein Akrostichon folgen die 22 Verse der Klagelieder den 22 Buchstaben des hebräischen Alphabets. Unter einem weit geschwungenen Spannungsbogen lässt Caine Alte Musik und Neue Welt aufeinander treffen: Gambenmusik und freien Jazz. Drei Vokalistinnen, die unterschiedlicher kaum sein könnten, singen auf Hebräisch, Spanisch und Englisch verschiedene Klageminiaturen, um am Ende einen kleinen Frauenchor zu bilden. Cristina Zavalloni verkörpert mit onomatopoetisch rhythmisierten Vokalisationen die Avantgarde, Carmen Linares mit hochenergetischem Flamenco die hispano-maurische Tradition und Gospelsängerin Barbara Walker mit ihrer voluminösen kraftvoll-weichen Stimme das afro-amerikanische Christentum. Caine streicht mit seiner Komposition und seinem strukturierenden Klavierspiel die Unterschiede zunächst heraus, um sie schließlich im gemeinsamen Musizieren aufzuheben. Nach einem Neutöner-Duo aus weiblicher Stimme und der Bassklarinette von Achille Succi führt Vittorio Ghielmi sein italienisches Gambenquartett – warum keine arabischen Oud-Spieler? - in staubtrockene spanische Klanglandschaften. Die durchdringt Carmen Linares mit ihrer druckvollen rauen Stimme, die aus dem Grund einer gequälten Seele aufzusteigen scheint. Die Klagelieder – früher Jeremias zugeschrieben – werden katholischen Gottesdienstbesuchern in der Karwoche verlesen, evangelischen nach der Perikopenordnung am 16. Sonntag nach Trinitates. Orthodoxe Juden in Jerusalem dagegen lesen sie jede Woche an der Klagemauer. Jerusalem ist in den alttestamentarischen Lamentationen als Tochter Zion personifiziert. Die Klage hebt darüber an, dass die als Geliebte entehrt und als Witwe geschändet wurde. „Das Ende ist nah“, singt Barbara Walker auf einem schaukelnden Gospel-Rhythmus und lässt sich die Silben auf der Zunge zergehen. Da lehnen sich die etwas unterforderten Knie- und Schoßgeiger aus Italien auf ihren Stühlen zurück und lächeln. Im Publikum sieht man sogar wippende Fußspitzen. Doch nach der lodernden Energie des Flamencogesangs und seiner arabischen Melismatik steht die zeitgenössische Musik für die Zerrissenheit unserer Welt. Sie kündet von Entsetzen, Schmerz, Trauer und Krieg. Aber am Ende verwandelt Uri Caine die Klagelieder in ein musikalisches Lob für den einen Gott, für den Gott des Friedens. Frau Musica sei Dank! Thomas Staiber
~ Thomas Staiber
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