Artikel geschrieben am: 07.03.03
Gary Burton & Makoto Ozone: “Virtuosi”. 07.03.03 Mozartsaal
Spitzenklöppler und Bass-Ass
Sich selbst einen Virtuosen zu nennen, hat auch für herausragende Musiker ein „Gschmäckle“. Der amerikanische Jazzvibraphonist Gary Burton indes scheut sich nicht, sein aktuelles Programm, das er mit Makoto Ozone, seinem Ex-Studenten und Langzeitpartner am Klavier, in der Liederhalle vorgestellt hat, „Virtuosi“ zu nennen. Gemeint sein könnte damit das amerikanisch-japanische Jazzduo selbst, aber auch - bescheidener gefasst - die Komponisten, deren Stücke sie „verjazzen“: Gershwin, Rachmaninow, Ravel, Scarlatti.
Ozone mit seinem klaren rhythmisch raffinierten Klavierspiel, das von stürmischem Stride-Piano bis zu federleichten impressionistischen Klangtupfern reicht, ist als Dialogpartner eine Idealbesetzung. Der 60-jährige Burton, der (mitten in der Milt-Jackson-Ära) mit seinem Vierschlegelspiel das Vibraphonspiel revolutioniert hatte, spielt rasante Einzeltonlinien, begleitet sich selbst, fügt viernotige Akkorde ein und beeindruckt mit polyphonem Fluss und kristallinem Glanz.
Der latente Swing der den klassischen Stücken innewohnt, kommt in den Jazzbearbeitungen von Burton und Ozone quicklebendig zum Vorschein. Die Beiden bieten, besonders hübsch in der Hommage an Pioniere des Vibraphons, empfindsamen und kraftvollen Kammerjazz und agieren in den unterschiedlichsten musikalischen Kontexten gelöst, traumhaft sicher und – na ja, eben auch durchaus virtuos.
Welche Kreativität frei werden kann, wenn über eine harmonische Struktur improvisiert wird, anstatt feste Kompositionen nachzuspielen, bewies Christian McBride, der bärenstarke Jazz-Bassist, der von Wynton Marsalis als Bruderfigur und Ray Brown als väterlichem Mentor auf der internationalen Jazzszene vor gut zehn Jahren ganz nach vorne gebracht worden ist.
Im Scheinwerferlicht glänzen die vier dicken Saiten seines elektronisch verzerrten Kontrabasses, auf die McBride beim Zupfen, Schlagen und Streichen kaum einmal hinunterblickt. Vertical Vision heißt die jüngste CD seines Quartetts. Der weltweit begehrteste Jazzbassist fegt mit einem Schlag alles Bildungsbürgerliche und Akademische von der Bühne. Mit berstender Energie und Hochdruck setzt die Christian McBride Group gleich beim Opener „Technicolor Nightmare“ auf körperliches Spiel. Wie Kieselsteine auf eine Metallrampe niederprasseln so treibt das Schlagzeug (Mister T.) den Rhythmus nachdrücklich vorwärts. McBrides Kontrabass, den er bei Balladen gegen einen E-Bass tauscht, sorgt mit warmem vollen Holzton für weiteren Schub. Auf diesem elastischen Fundament setzt Saxophonist Ron Blake zu seinen Höhenflügen an, lässt sich der außergewöhnliche Keyboarder Jeffrey Keezer zu verzerrten, von Hendrix inspirierten Synthesizersoli anregen. Acoustic Fusion nennt der 30-jährige McBride diese Musik, in der sich auch Nummern der Pop-Musik von Yes, Steely Dan oder Sting, einem anderen Bassisten, auf der Set-Liste finden. Das ist brodelnder Jazz, wie er heute in den heißesten Jazzclubs New York gemacht wird, Großstadtjazz, in dem flackernde Nervosität, Melancholie, Rausch und Sehnsüchte aufgehoben zu sein scheinen. Thomas Staiber
~ Thomas Staiber
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