Artikel geschrieben am: 21.09.02
Goran Bregovic Orchester, 21.09.02 Hegelsaal
Zeit für Musik – Tales And Songs From Weddings
And Funerals
Die Zeit hat die Form des Entstehens und Vergehens. Zwischen „zu früh“ und „zu spät“ liegt das Jetzt, das genutzt werden muss, damit etwas geschieht. So sieht es wohl Goran Bregovic. Für ihn, dem Zeitverschwendung ein Gräuel ist, lässt sich das mit den künstlerischen Mitteln der Musik am besten fassen. Der zwischen Paris und Belgrad pendelnde 52-Jährige mit Kultstatus in Ex-Jugoslawien, will das Leben selbst spiegeln, dessen große Momente festhalten und begleiten. L’amour et la mort, die Liebe und der Tod, das Werden, Fließen und Sterben bilden das Generalthema des Rock-, Film- und Theatermusikers. Seine 41-köpfige „Wedding And Funeral-Band“, für die er komponiert und mit der er seit drei Jahren durch Europa tourt, ist als Klangkörper eine Wucht.
Moslems, Orthodoxe und Katholiken harmonieren so prächtig, als wäre der Krieg komplett vergessen, als ob diese Religionen und Kulturen sich nie bekämpft, sondern immer nur friedlich koexistiert und sich beeinflusst hätten. Bregovic, in Sarajewo groß geworden, hat einen kroatischen Vater, eine serbische Mutter und eine bosnische Frau. Seine Musik nimmt vieles in sich auf: Stramme deutsche Blasmusik, sehnsüchtige Zigeunerweisen und die ganze Palette der Balkanmusik von Budapest bis Istanbul. (Folgerichtig findet man Bregovic-CDs in den Plattenläden unter der Rubrik „Weltmusik“.)
Der Live-Auftritt im gut gefüllten Hegelsaal unterscheidet sich deutlich von klassischen Konzerten: Elegischen Klangwolken, die derart langsam vorüber ziehen, dass man schon zu gähnen beginnt wie in einem wohl temperierten Schaumbad, folgen ausgelassene musikantische Passagen. Flirrende Streicherostinati legen sich unter den klagenden Ton einer Klezmerklarinette, gedämpftes Moll, getragenes Tempo, Trauermusik, über die sich der eindringliche orientalisch angehauchte Gesang dreier Frauen in Tracht erhebt. Tief und warm antwortet aus 15 Kehlen der Chor der Männer. Wie weggeblasen ist die Klage, als durch die hinteren Saaltüren Trompeter, Hornisten und der Tubaspieler einmarschieren. Ogi Radivojevic, der musikalische Spiritus Rector bedient abwechselnd die Basstrommel, das Akkordeon und dirigiert. Der Tanz beginnt, die Tuba schaukelt, der Balkan groovt. „Hop, hop, hop.“ Der rechte Moment für den Auftritt von Goran Bregovic. Ganz in weiß mit einem Medaillon. Der Ex-Rocker singt und greift in die Saiten einer E-Gitarre. Auf einem mitreißenden Rhythmus überlagern sich verschiedene Klangschichten zu einem voll tönenden Ganzen. Der Raum bebt, das Publikum applaudiert fasziniert.
Kalt lässt diese lebensbejahende Musik aus Südosteuropa jedenfalls niemand: Weder die zahlreich erschienenen Serben noch deutsche Intellektuelle, die Bregovic als Komponist von Kusturica-Filmen wie „Time Of The Gypsies“ und „Arizona Dream“ schätzen oder seine Musik bei Pandur-Inszenierungen wie „Die Göttliche Komödie“ von Dante letztes Jahr am Hamburger Thalia-Theater kennen gelernt haben. Sie alle erleben die fröhliche Anarchie der Improvisation und formstrenge Tonsetzung, Hochspannung und Leere, Liebe und Tod. Das mal fließende, mal stockende Leben mit seinen Untiefen und Gegenläufigkeiten erscheint bei Goran Bregovic als an Einflüssen und Brüchen reicher Klangkomplex. Die Zeit als Musik.
Bei den zahllosen Zugaben nach über drei Konzertstunden tanzen alle im Saal, jubeln und feiern. Das Parkett vibriert. Es herrscht eine phantastische Stimmung. Das präzise Gegenteil von Krieg und Tod. Thomas Staiber
~ Thomas Staiber
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