Artikel geschrieben am: 18.11.04
Branford Marsalis, 18.11.2004, Theaterhaus
Gene muss der Mensch haben! Branford, ein Spross des Marsalis-Clans, hat Glück gehabt: die Natur hat ihn - wie auch seine Brüder Wynton (Trompete) oder Delfayo (Posaune) - überreich mit musikalischem Talent gesegnet. Paradoxon am Rande: Erst durch den Erfolg seiner Söhne wurde auch Ellis Marsalis einer breiten Öffentlichkeit als Jazzpianist bekannt und erhielt schließlich an der Universität von Baton Rouge einen Lehrstuhl für die Geschichte der afroamerikanischen Musik. (Er betont übrigens charmant, dass nicht so sehr er, sondern vielmehr seine Frau Dolores das Musik-Gen weiter gegeben habe.)
Ein Konzert mit dem Jazz-Quartett des 44-jährigen Saxophonisten Branford Marsalis ist ein Erlebnis. Er zieht das Publikum an, weil man ihn durch seine schönen einprägsamen Soli bei Grateful Dead und Sting schätzen gelernt hat. Anders als Wynton, der sich zu einer traditionalistisch-konservativen Galionsfigur hochstilisiert hat und so die Jazzwelt teilt, öffnet sich Branford, der älteste der Marsalis-Brüder, neuen Musikströmungen: neben dem Pop der Jazz-Funk-Fusion (unter dem Pseudonym Buckshot LeFonque), oder einem kompromisslosen zeitgenössischen Jazz. Jazz – wie das Konzert im ausverkauften Theaterhaus gezeigt hat - auf höchstem Niveau.
Joey Calderazzo (Piano) ist als geschmackvoller Begleiter und glänzender Solist in die Fußstapfen des vor fünf Jahren verstorbenen Kenny Kirkland getreten. Mit dem kraftvollen, aber stets lockeren Drummer Jeff „Tain“ Watts und dem geschmeidig vorwärts treibenden Bassisten Eric Revis bilden sie eine bestens funktionierende Einheit
Durch das Prisma des heutigen Jazz blickt Marsalis auch gelegentlich auf Standards und macht daraus stringente Improvisationsmusik voller funkelnder Brechungen, dynamischer Differenzierungen und spannender Klangfarben - eine phantastisch schillernde Synthese von Alt und Neu.
Branford Marsalis erweist sich dabei als überragender Tenor- und Sopransaxophonist, dem spieltechnisch keinerlei Hindernisse den Weg verstellen und der zu einer künstlerischen Reife gefunden hat, die Vorführeffekte überflüssig macht und ihn zum Wesen des Jazz vordringen lässt. Er nimmt einen mit auf einen rasanten Trip durch das nächtliche New York. Jazz – wie für einen Film von Scorsese gemacht. Neonlichter, die sich in Pfützen spiegeln, ein Taxi hält, eine Bartür schwingt auf. Man hört die Band Rumba spielen, ein Paar tanzt. Innig, verliebt, selbstverloren. Als nehme der Jazz sich eine Atempause für einen Moment des Glücks. Doch schon geht die Fahrt weiter. Das Thema heißt Vergänglichkeit, und die fulminanten Improvisationen spiegeln wieder das Leben im unaufhaltsamen Lauf der Zeit.
Thomas Staiber
~ Thomas Staiber
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