Artikel geschrieben am: 30.01.09

--- (Datei: Boomtown 30.,31.01.2009 Bix)

Boomtown Jazzfestival Stuttgart, 30.und 31.1.2009, Bix (jeweils über 200 Besucher)
Von Krise ist derzeit die Rede. In Stuttgart jedoch boomt. Wie vital die aktuelle Jazzszene ist, konnte man im stets sehr gut besuchten Bix erleben. Junger deutscher Jazz zieht ein jüngeres Publikum scharenweise an, das sich mit künstlich generierter Musik nicht zufrieden geben mag.
Der Star des kleinen Festivals jedoch kam aus Skandinavien. Die Jazzsängerin Caroline Henderson flirtet liebend gern mit dem Publikum, bewegt sich sexy auf ihren High-Heels und macht charmante Ansagen. Die Silben lässt sie genussvoll wie Karamellbonbons auf der Zunge zergehen und erzielt mit wenig Vibrato viel Wirkung. Jubilierend steigt ihre runde Stimme in luftige Höhen, um dann sinnlich und samten tiefere Lagen auszuloten. Geschmeidig manövriert sie zwischen Jazz, Gospel, Soul und Pop, von Gershwins „But Not For Me“ bis zu Burdons „Mother Earth“. Stets hervorragend begleitet von einem jungen Klaviertrio.
Ein neuer Stern beginnt am europäischen Jazzhimmel aufzugehen. Es ist der Tenorsaxophonist Mark Wyand, der von Erfolgsmann Till Brönner produziert wird. Der Ton des in England geborenen und in Deutschland aufgewachsenen Holzbläsers strömt von ganz weit innen heraus und bahnt sich unter schön geschwungenen Spannungsbögen lavaheiß seinen Weg. Expressiv und leuchtend wie Wayne Shorter bei Up-Tempo-Nummern, meditativ und kraftvoll wie Sonny Rollins bei melodiösen Balladen. „Hidden Hill“ heißt die aktuelle CD. Auch Wyand wird von einem jungen Klaviertrio versiert und inspirierend begleitet.
In der dritten Festivalnacht füllte der Sound elektrischer Gitarren den akustisch vorbildlich ausgesteuerten Club im Gustav-Siegle-Haus. Nach dem intelligenten und feinfühligen Berliner Trio Hyperactive Kid, das aus Melodiefetzen, Klangsplittern und Harmoniescherben immer wieder neue faszinierende Klangkaleidoskope zusammenschüttelt, musizierte das Panzerballett. Was für ein Name! Gewalt und Zartheit, Armeefahrzeug und Tutu in einem Wort! Als kombiniere man Wellness und Punk. Knallharter Schwermetalljazz rollte da auf das Auditorium zu. Die Bix-Bedienungen verteilten zur Vermeidung von Tinnitusschäden vorsichtshalber Oropax. Die coolen Jungs aus München nahmen sich die Freiheit, hochenergetischen Rock mit entfesseltem Jazz zu kombinieren: Noise Art der anderen Art. Da wurde Mancinis „Pink Panther“ durch den musikalischen Reißwolf getrieben, Deep Purples „Smoke On The Water“ gleich hinterher. Aus der Rock-Hymne, deren Griffe jeder Gitarrenanfänger mit schmerzenden Fingerkuppen nachgespielt hat, machen die fünf von Leitwolf Jan Zehrfeld angeführten wilden Kerle ein wahres Lärmspektakel, bis die Ohren klingeln, während der rosarote Panther Gefallen daran findet, harmlose Hörer aus dem Hinterhalt anzufallen. Das überwiegend junge Publikum bejubelt lautstark die Band und deren „Starke Stücke“ (ACT 6991-2). Thomas Staiber




 

~ Thomas Staiber

Deko Füller
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