Artikel geschrieben am: 23.07.02
Sommerfestival der Kulturen, 23.07.02 Altes Waisenhaus Boban Markovic Orkestar
Der Innenhof des „Alten Waisen-, Arbeits- und Zuchthauses“ aus dem frühen 18. Jahrhundert, der vor 80 Jahren seine heutige Gestalt erhalten hat, eignet sich sehr gut als Veranstaltungsort für das Sommerfestival der Kulturen, das nun zum zweiten Mal in Stuttgart stattfindet. Das Konzept des sechstägigen (!) Open-Air-Festivals geht auf: In Scharen strömen die Menschen zu den Konzerten mit fremdländischer Musik, zu Sinti-Jazz und vor allem zu den Stars der Weltmusik.
Das waren am Dienstagabend neun Blechbläser und zwei Trommler, die eine der kraftvollsten Bands Europas formieren: Das legendäre Boban Markovic Orkestar. Eingestimmt durch den sehnsüchtigen Zigeunerswing des Stuttgarter Zigeli Winter Quintetts, dauert es nicht lang, bis das Publikum – und zwar generationsübergreifend - das Innenhofpflaster als Tanzboden nutzt. Die Roma Brass Band aus Südserbien, die schon in Kusturica-Filmen („Arizona Dream“, „Underground“) Aufsehen erregte, spielt enorm druckvoll, fast überdreht, aber stets punktgenau. Die pralle Lebenslust, die unbändige Spielfreude dieses Blasorchesters ist hochansteckend: Im Handumdrehn strahlt alles und viele tanzen. Dabei ist der Weg der Roma bis heute durchaus leidvoll. In Deutschland führte er bis ins KZ. Kein Wunder ist diese virtuos-archaische Musik voller europäischer und orientalischer Einflüssen selbst bei aberwitzigen Tempi von tiefer Melancholie durchdrungen. Als seien in ihr aber auch alle Überlebensinstinkte, Leidenschaften und Glücksmomente aufgehoben, treibt sie unbeirrbar, kraft- und lustvoll vorwärts und reißt wie ein frischer Fluss alles Störende mit sich fort. Im serbischen Vladic Han, im katalanischen Barcelona oder im schwäbischen Stuttgart, wo immer das Boban Markovic Orkestar auch spielen mag.
~ Thomas Staiber
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