Artikel geschrieben am: 26.11.05
Arthur Blythe, as, Bob Stewart, tuba – 26.11.05 Dieselstraße, ES
Arthur Blythe, der Altsaxophonist aus New York, betritt die Bühne, und augenblicklich verstummt das Publikum. Offenbar ist der 65-Jährige nicht in guter körperlicher Verfassung. Unbeweglich starrt er auf seine Schuhe und erwartet den ersten Ton seines Duopartners. Der ist abgrundtief und füllt großvolumig den Raum. Bob Stewart, fünf Jahre jünger und viele Kilo schlanker, bläst die Tuba. Blythe fängt zögerlich an zu improvisieren, als ob er sich zwingen müsste. Sein Ton ist anfänglich ein wenig brüchig. Er scheint aus einer resignativ angehauchten Nachdenklichkeit aufzutauchen. Im Laufe des Konzerts wird er jedoch an Geschmeidigkeit gewinnen.
Der Partner mit dem großen Blasinstrument bereitet ihm nicht nur den Boden für zaghafte Höhenflüge, er beflügelt ihn mit dem gemütlichen Brummton kleiner ostinater Rhythmusfiguren. Reizvoll ist dabei auch der Klangkontrast Stewart ermuntert Blythe spielerisch, er möge doch seinen Erfahrungsschatz heben, um zu der Ausdrucksstärke und der Ideendichte zurückzufinden, die ihn – in der Nachfolge von Charlie Parker – auszeichnet.
Tatsächlich taut der Altsaxophonist mit der Zeit auf. Sein Atem durchströmt seinen fast bewegungslosen Körperpanzer und findet schließlich den Weg zur Seele. Blythe hört die tiefen Tubaklänge, er lässt sie in sich nachhallen und antwortet. Es ist eine Antwort ohne Schärfe wie von einem, der nicht mehr angreifen, sondern nur noch seinen Frieden haben möchte. Wie durch ein Prisma leuchten jetzt Melodien auf mit einer Schönheit, die aus dem Leid zu kommen scheint. Das berührt und stimmt nachdenklich.
Stilistisch bewegen sich die beiden afroamerikanischen Musiker zwischen seltsam gebrochenen Swing-Zitaten und modalem Jazz, sozusagen zwischen Nat King Cole und John Coltrane. Dabei stellen sie das unterschiedliche Material nicht schroff gegeneinander. Alles fließt und wird durchströmt von einer tiefen Melancholie. Thomas Staiber
~ Thomas Staiber
Neuster Artikel: