Artikel geschrieben am: 18.07.04
Das Konzert der BBC Big Band im recht gut besuchten Beethovensaal beginnt mit einem Blues von John Clayton. Ein so routinierter Orchesterchef wie Jiggs Whigham, 61, weiß, damit kriegt man das Publikum. Die Rhythmusgruppe federt elastisch, das Klavier füllt mit silberhellen Akkorden die kleinen rhythmischen Lücken, das Blechkollektiv bläst schmetternd zur Attacke, was bei zehn Mann ziemlich eindrucksvoll klingt, und eine Handvoll Saxophone fällt schwärmend ein.
Das ist es. Das Klangbad, „die volle Dröhnung“, wovon die Jazzer so schwärmen, bereitwillig auf ihre Egotrips verzichten und zurücktreten ins Glied. Der Marsch allerdings wird nicht geblasen. Das swingt – durch die anschwellenden Druckwellen hindurch – sehr lässig und sehr elegant.
Es ist das alte Lied. Im Jazz - und bei Big Bands besonders - herrscht die Dialektik von Wildheit und Disziplin. Beim Stan Kenton-Schüler und Posaunenprofessor Whigham, der zahllosen deutschen Musikern den Jazz näher gebracht hat, funktioniert das wie geschmiert. Präzis und entspannt zugleich. Die Herren aus London, die so beamtenmäßig aussehen, bilden einen gut durchtrainierten Klangkörper.
Intonation, Sound und Blending sind selten in einem so raffinierten Stimmgewebe zu hören wie beim Vokalensemble New York Voices, das 1996 einen Grammy geholt hat, und sich nun von der BBC Big Band begleiten lässt. Eins muss man den Amerikanern lassen: Mehrstimmig singen, das können sie. Im Jazz, im Pop und im Rock. Die zwei Damen und die beiden Herren aus New York bieten von allem etwas. Ein Song von und für Ray Charles („Halleluja, I love her so“), eine Nummer von Dizzy Gillespie („Night In Tunesia“), eine Edelschnulze von Nancy Wilson („Save Your Love For Me“), ein Stück von Paul Simon („Baby Driver“) und immer wieder Kompositionen aus der Swing-Ära.
Elegant wie eine Formation von Delphinen gleitet das Vokalquartett durch den Klangraum wie durch ein Bassin. Darmon Meader, ihr Arrangeur, scattet und spielt Tenorsax, und die BBC Big Band swingt unverdrossen. Die perfekt interpretierte Komplexität des mehrstimmigen Gesangs ist durchaus beeindruckend, aber sie berührt einen kaum. Das meiste klingt klinisch rein, wie viele Amerikaner es mögen, und manches wie mit einem fetten Zuckerguss überzogen (schier unerträglich Billie Holidays „I’ll be seeing you“). So professionell die Bühnenperformance auch abläuft, und so sehr die BBC Big Band sich ins Zeug legt: Nach fast drei Stunden hat dann mancher genug von all dem „Sing, Sing, Sing“ und Swing, Swing, Swing, er geht in die Nacht hinaus und atmet den Geruch des Asphalts ein, auf den ein Sommerregen gefallen war.
~ Thomas Staiber
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