Artikel geschrieben am: 13.01.10

--- (Datei: Bebelaar 2010)

Patrick Bebelaar, Bix 13.1.2010
Überraschend sanft und entspannt tastet sich Jazzpianist Patrick Bebelaar in „Raga“, eine spanisch angehauchte Eigenkomposition. Warm pulsiert der Kontrabass von Günter Lenz. Doch plötzlich platzt Herbert Joos mit einem Flügelhornschrei hinein. Unbeirrt bleibt der Bass in der Spur, nur das Klavier antwortet mit einer kurzen schrillen Dissonanz, bevor die angenehme Tonfolge wieder aufgenommen wird, als sei nichts geschehen. Als Unruhestifter und Störenfriede wechseln sich der 69-jährige Blechbläser und der 38-jährige Pianist ab, während der 71-jährige Hesse stoisch seine harmonischen Gefilde beackert. Lenz strahlt Ruhe aus und sorgt für Halt, er ist der Ankermann des Trios.
Langweilig kommt bei diesen drei Herren nicht auf. Da gibt es kein wohliges Eintauchen in schaumige Klangbäder, kein versonnenes Schnipsen. Nein, dieser europäisch geprägte Jazz öffnet sich in viele Richtungen, er changiert zwischen Neoromantik und Noise Art, zwischen Blues und Tango, er spielt mit schroffen Kontrasten, bricht sich prismatisch und leuchtet in immer neuen Klangfarben auf. Hinter der Schönheit lauert der Schrecken, in seiner Leidenschaft steckt Leid. Gemütlichkeit klingt anders. Doch umso süßer wirkt der harmonische Schmelz, wenn er nach scharfen Tonscherben, kantigen Klangsplittern und lavaheißen Eruptionen wieder einmal fließen darf.
Nach einer vierjährigen, der Krankheit von Günter Lenz geschuldeten Pause beflügeln sich die drei Musiker gegenseitig, sie sprühen vor Spielfreude, als müssten sie sich beweisen, dass sie es noch können. Und wie! Gefühl, Intellekt und ein Schuss Anarchie verbindet die drei Männer auf der Bühne. Bebelaars Klavierspiel ist selbst in den schwierigsten Passagen und vertracktesten Rhythmuswechseln von einer großen Leichtigkeit. Doch die gerät ihm nicht zu gefälligem Selbstzweck. Dem in Trier geborenen Kusterdinger geht es bei aller Freude an der Musik um künstlerische Wahrhaftigkeit. Wenn er etwa über den Standard „My One And Only Love“ improvisiert, meint er seine russische Frau Natalia, für die er mit „Natuschka“ ein schönes Liebeslied geschrieben hat. Aber auch das steckt voller überraschender Akzente und unerwarteter Wendungen.
Herbert Joos, der zurzeit im Café Heller seine neuesten Bilder ausstellt, ist bei einer solchen abwechslungsreichen Musik ganz in seinem Element. Er improvisiert mit warmem runden Flügelhornton etwa zu einem Walser, um im nächsten Moment mit elefantösem Gebläse den Klangraum aufzubrechen. Unter dem weit geschwungenen Bogen einer Suite sind die Anforderungen an die drei Jazzer am höchsten; Bebelaar hatte sich von der Mörike-Novelle „Orplid“ zu dieser Komposition inspirieren lassen.
Joos hat sogar ein Alphorn ins gut besuchte Bix mitgebracht und jazzt darauf derart, dass jeden Schweizer Senn - wäre er Ohrenzeuge – glatt der Blitz treffen würde. Das Publikum lässt sich von der guten Laune gern anstecken.
Auch der „Sitting Küchenbull“ von der Wielandshöhe, Fernsehkoch und Bestsellerautor Vincent Klink applaudiert erfreut. Mit ihm wird der viel beschäftigte Bebelaar demnächst auf Lesetour gehen, um das neue Buch vorzustellen. Klink wird nicht nur vorlesen, sondern auch in sein geliebtes Horn stoßen.
Bebelaar hat noch anderes im Sinn: Er gibt mit dem Tuba- und Serpentspieler Michel Godard einige Konzerte, dann wird er mit seinem neuen New Yorker Trio auftreten, er wird mit Joos eine Balladen-CD einspielen und gleich zweimal nach Südafrika, in seine „zweite Heimat“ fliegen. Einmal mit renommierten Jazzmusikern wie Bernd Settelmeyer, Mike Rossi und Uli Süße Konzerte bei der WM geben, ein anderes Mal mit Studenten der Musikhochschule Stuttgart, um gemeinsam mit Musikern aus den Townships von Durban und Kapstadt Jazzprojekte zu entwickeln. Thomas Staiber
 

~ Thomas Staiber

Deko Füller
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