Artikel geschrieben am: 14.01.06
Hat ihr Vater Vagif Mustafa-Zadeh, Aserbaidschans bester Jazzmusiker, Recht behalten, als er die kleine Aziza, weil sie so früh so gut improvisieren konnte, liebevoll „Jazziza“ nannte? Nicht ganz. Denn Jazz, die Musik der überraschenden Brüche, ist bei Aziza ein bekömmliches Amalgam persönlicher Vorlieben.
Die 36-jährige Pianistin und Sängerin schwebt herein, lächelt unschuldig, setzt sich mit wallendem Haar an den weit geöffneten Flügel und spielt für eine so zerbrechlich anmutende Frau überraschend kraftvoll Klavier. „Singing Nature“ heißt das technisch brillant vorgetragene Eröffnungsstück. Dann singt sie mit verhangener Mezzosopranstimme ein dunkles Lied. Ein Hauch von Orient weht hinein, als ob sie singend ein Heimweh ausdrücken und es zugleich besänftigen wollte. Doch gleich zerstieben nostalgische Gefühle, die Musik sprüht Funken und fängt Feuer. Übermütig wie ein Tanz unter freiem Himmel klingt ihr „Stars Dancing“. Und wieder wechselt die Stimmung. Das musikalische Ringelspiel der Aziza Mustafa-Zadeh dreht sich weiter: mal im Zeitlupentempo, dann wieder atemlos. So führt sie das hingerissene Publikum im ausverkauften Saal 2 des Theaterhauses von der Folklore Aserbaidschans über den Jazz, von einem Schwindel erregenden Looping-Flug mit der eigenen elektronisch verdoppelten Stimme, über ein eindringliches türkisches Liebeslied bis dicht an die süßen Ränder des Kitsches. Alles gut mit Hall abgemischt, mit einem rechten Fuß, der ein wenig lang das Pedal zu drücken beliebt.
Sie spielt wirklich ausgezeichnet Klavier. Aber immer ein wenig so, als müsste sie es allen zeigen: ihrer Mutter hinter der Bühne, dem früh verstorbenen Vater, dem Publikum, sich selbst. Ihr variationsreicher Ausflug in die Klassik gerät dann zu einer Best-Of-Parade. Ravels Bolero, Händels Largo, eine Etude von Bach und Schumanns Träumerei - ein populärer Strauß schöner Melodien, allerliebst dargeboten von Aziza Mustafa-Zadeh. Musik dient dieser bezaubernden Scheherazade der schamanischen Heilung wunder Seelen. Wer wollte da nicht dankbar sein?
~ Thomas Staiber
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